Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Als der zurückhaltende Teenager Alec im Unterricht vor seiner gesamten Klasse gefragt wird, welche Formen der Internetsucht er kennen würde, tun die meisten der Jugendlichen seine Antwort mit einem Lachen ab, als er mit Pornosucht entgegnet. Die Lehrerin versucht zwar, die pubertierende Reaktion der Klassenkamerad*innen durch das Beteuern der Seriosität dieser Sucht einzufangen, doch so recht gelingen vermag ihr das nicht. Dabei ist Pornografie, sowohl im akademischen, als auch im alltäglichen Kontext, ein überaus vielschichtiges – und durchaus interessantes – Thema. Eine Vielzahl an Kulturwissenschaftler*innen haben sich diesem bereits angenommen, herausgekommen sind, von PorNo (der strikten Ablehnung jeglicher Pornografie, da sie patriarchale Machtverhältnisse reproduzieren würde) über Sexpositivismus (der Sex als Freizeitpraxis zwischen konsensuellen Erwachsenen begreift) bis hin zur Post-Pornografie (die sowohl erregen als auch verstören will, mit dem Ziel, heteronormative Vorstellungen von Sex und Beziehungen zu unterlaufen) ein buntes Arsenal an Auffassungen.
„Truly Naked“ fasst zwar einige, teilweise widersprüchliche Denkweisen über dieses Thema auf, verkommt aber nicht zu einer geschichtlichen Lehrstunde über den Porno. Stattdessen macht er, was Film am besten kann: Empathie für einzelne Charaktere kreieren und mit ihnen tiefgreifende Themengebiete aus einer subjektiven Perspektive erforschen. Herausgekommen ist ein Film, der mit seiner elektrisierenden Mischung aus Unverdrossenheit und Mitgefühl ein unerwartetes Highlight der 76. Berlinale darstellt.
Alecs Antwort auf die oben gestellte Frage kommt dabei als keine große Überraschung für das Publikum des Films. Seine Eltern haben sich am Set eines Pornos kennengelernt und nach dem frühen Tod seiner Mutter begann Alec, seinem Vater Dylan als Kameramann und Fotograf bei dessen Pornoproduktionen – von denen er sowohl Produzent als auch Hauptdarsteller ist –beiseitezustehen. Regisseurin und Drehbuchautorin Muriel d’Ansembourg scheut nicht vor der makaberen Seite dieser Prämisse zurück, sie zelebriert sie geradezu. Wenn Vater-Sohn-Zeit daraus besteht, mit (überproportionalen) Dildo-Replikas vom Penis des Vaters einen Schwertkampf zu veranstalten, ohne dass der Film in Klamauk abdriftet, hat dieser definitiv einiges richtig gemacht.
D’Ansembourg bettet die Absurdität in ein Gerüst des Alltäglichen ein; das Drehen von Pornos als Arbeit wie jede andere. Alec retuschiert Nacktfotos und inszeniert erotische Fotoshootings mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der andere Excel-Tabellen ausfüllen. Die Arbeit steht auch der Offenheit und Liebe, von denen die Beziehung zu seinem Vater geprägt ist, nicht im Weg (eher sogar im Gegenteil). Sobald die Kamera ausgeschalten ist hängen Alec, Dylan und die Performerinnen im Wohnzimmer ab (Dylan arbeitet von daheim), reden über den Dreh und kiffen sich die Sorgen weg. Sex und Nacktheit werden kompromisslos aus dem Tabubereich herausgeholt, von Scham ist keine Spur (mehr).
Alecs Perspektive auf die Arbeit seines Vaters – und seine eigene – wird in „Truly Naked“ jedoch auf die Probe gestellt. In Folge der oben beschriebenen Antwort auf die Frage der Lehrerin wird ihm Pornografie als Thema für ein Projekt zugeteilt, das er mit seiner Mitschülerin Nina erarbeiten soll. Nina sieht Pornografie weitaus kritischer als Alec. Newcomerin Safiya Benaddi füllt die Figur mit einer fantastischen Mischung aus feministischem Trotz, emotionaler Reife und jugendlicher Energie, die auch nicht verschwindet, wenn sie in einigen der reflektiertesten Momente des Films mit ihrer mangelnden Lebenserfahrung konfrontiert wird. Sie liefert einen notwendigen Gegenpol zu Alecs (männlich dominierter) Sicht auf Pornos und Sex. Während die beiden sich näher kommen und ihre limitierten Perspektiven mit der des jeweils anderen ergänzen, verschwindet das Schulprojekt immer mehr in den Hintergrund – wir bekommen das Ergebnis nie zu Gesicht. In der von ihm hinterlassenen Leerstelle beginnt dafür eine Coming-of-Age Geschichte zu sprießen, mit einer radikalen Ehrlichkeit, die Post-„Lady Bird“ so kaum zu finden ist (habe ich erwähnt, dass es d’Ansembourgs Spielfilmdebüt ist??).
Myrthe Mostermans Handkamera findet sich dabei für langen Strecken in unaufgeregten Close-Ups wieder, was den Schauspielenden erlaubt, Szenen und Charakterdynamiken mit viel Feingefühl zu erarbeiten –der Film verliert auch bei heiklen und unangenehmen Szenen nie die Kontrolle über seinen vielfärbigen Ton. Sie bleibt intim und empathisch, verfällt dabei aber nie in eine unkritische Haltung. Besonders wenn Dylans Waghalsigkeit beim Konzipieren von immer skurrileren Videos, von den fallenden Klickzahlen seiner Pornos ausgelöst, zu gefährlichem Leichtsinn mutiert, zieht sie klare moralische Grenzlinien. Selbst dann ist „Truly Naked“ jedoch bemüht, die Beweggründe und Auslöser für diese Taten zu beleuchten.
Menschen werden nicht verteufelt – bis auf eine (gerechtfertigte) Ausnahme, die glücklicherweise nach der ersten Filmhälfte verschwindet – sondern verstanden und gegebenenfalls zurechtgewiesen. Einige Bilder des Films sind ausdrucksstark: wenn Alec und Nina der Stadt kurz entkommen wollen und sie zu den Klippen am Wasser fliehen, hallt das Gefühl von utopischer Freiheit der Bilder noch lange durch den Kinosaal. Doch „Truly Naked“ sorgt sich vor allem darum, seine Charaktere für sich selbst sprechen zu lassen.
Wie der Titel bereits anklingen lässt, verhandelt „Truly Naked“ Intimität – sowie die Scham, den diese (vor allem bei ersten sexuellen Erfahrungen) unweigerlich mit sich bringt. Er schreibt aber nicht vor, wo diese „wahre“ Intimität zu finden ist. Angereichert mit einigen wundervollen Kniffen im Drehbuch, die die (oftmals holprige) Beziehung von Alec und Nina mit toller Verspieltheit greifbar macht, findet es diese in zwei jungen Menschen, die sich gemeinsam selbst und gegenseitig kennenlernen. Doch genauso findet der Film diese im Drehen von Pornos – vorausgesetzt, alle Beteiligten setzen sich für sie ein. Wie Lizzie (eine von Dylans Stammperformerinnen, gespielt von der Pornodarstellerin Alessa Savage mit Disney-Prinzessin-Augen, die sowohl Schmerz als auch mitreißende Lebenslust versprühen) Nina erzählt: Hier kann sie sein, wer sie will, ohne sich um die Vorurteile anderer zu kümmern.
D’Ansembourg hat einiges mit Pornos, deren Industrie und modernem Sex abzurechnen. Sie plädiert für Pornos, die vielseitige Befriedigungsfacetten abbilden, statt nur penetrativen Geschlechtsverkehr. Sie verhandelt die Machtposition, die mit einem Dildo einhergeht (Stichwort Dildotektonik), und, in einer der besten finalen Einstellung dieser Berlinale, auch die Zuschauer*innen-Position des Publikums. Mechanismen von Scham, Aktivismus und Fürsorge werden aus einer dezidiert weiblichen Perspektive durchleuchtet. Doch dem Film gelingt es, diese Fülle an Themen durch Alec, Nina, Dylan und Lizzie zu behandeln, ohne seine lebhaften Figuren zu bloßen Bedeutungsträger*innen verkommen zu lassen. Selbst wenn sich seine Dramaturgie zum Ende hin etwas in für sich stehende Einzelszenen zerfasert, hält diese Figurenkonstellation den Film am Laufen.