Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
„Hangar rojo“ – auf Deutsch „Der rote Hangar“ – versucht dem Mut einer Person Tribut zu zollen, deren ergreifende Geschichte ansonsten wohl in ungelesenen Büchern verstaubt wäre. Wie auch „The Zone of Interest“ und „Das Leben der Anderen“ interessiert er sich nicht für die großen Figuren der Geschichte, über deren Taten und Worte noch heute diskutiert wird. Stattdessen bringt er mit Captain Jorge Silva eine Person ins Scheinwerferlicht, die zwar einem historischen Ereignis beigewohnt hat, dessen Handlungen sogar Leben gerettet haben, die aber trotzdem wohl nie in einem Schulbuch auftauchen werden. „Hangar rojo“ liefert ein elegantes – wenn auch ein wenig oberflächliches – Argument für eine der wichtigen Thesen unserer Zeit: Geschichte erinnert sich an die großen Namen, doch erschaffen, erkämpft und ausgeführt wird sie von vielen kleinen.
Das Setting des Films bleibt, trotz seiner geschichtlichen Komplexität, bloß eine Randnotiz. Wir bekommen, wie Silva auch, nur über Telefonate und beiläufige Kommentare Informationsfetzen serviert, die sich zu kaum mehr als eine unvollständige Skizze der Gesamtsituation zusammenfügen lassen: Eine Texteinblendung verrät uns, dass es der 11. September 1973 ist. Der Film spielt in Santiago, der Hauptstadt von Chile. Ein Militärputsch stürzt über das Land hinweg, der sozialistische Präsident Salvador Allende wird gestürzt und stirbt noch am selben Tag. Chaos bricht aus, die Anhänger*innen des (ehemaligen) Präsidenten werden verfolgt und gefoltert, das Militär wird zum Staatsoberhaupt.
Der Drehbuchautor des Films, Luis Emilio Guzmán, setzt den Fokus von „Hangar rojo“ auf die moralischen Entscheidungen, die Menschen in solchen Ausnahmesituationen treffen müssen. Der Film weicht für seine gesamte 81-minütige Laufzeit nie von Silvas Seite: wir sehen Ausschnitte seines Alltags als Leiter einer Luftwaffenakademie, erleben seine wortkarge Art aus erster Hand und lernen seine Frau kennen (eine Geschichtslehrerin), die für ihn zum emotionalen Rückzugsort geworden ist. Einblicke in seine Vergangenheit bekommen wir nur allmählich in kurzen Dialogpassagen, Silva wird fast ausschließlich durch seine Handlungen und die emotionalen Abgründe, die sich in Nicolás Zárates Gesicht verstecken, charakterisiert.
Er bietet daher viel Projektionsfläche für das Publikum, um sich in seine Schuhe zu begeben und zu hinterfragen, wie mensch selbst handeln würde, sobald Silvas Situation ihn zu einer Entscheidung zwischen Pflicht und Moral zwingt. Denn mit Colonel Jahn bekommt dieser infolge des Militärputsches einen Vorgesetzten, der die Luftwaffenakademie um den titelgebenden roten Hangar erweitert: eine Anlage zum Inhaftieren, Foltern und – im schlimmsten Fall – Töten von politisch Verfolgten. Silva, der in früheren Szenen mehrmals betont hat, seine Aufgabe sei das Ausführen von Befehlen und nicht das Hinterfragen dieser, wird dazu gezwungen, eine Entscheidung zu treffen.
Regisseur Juan Pablo Sallato fängt Silvas Geschichte in satten schwarz/weiß-Farben ein. Viel zu entdecken in den einzelnen Einstellungen gibt es jedoch trotzdem nicht, denn die Kamera fällt vor allem durch ihre extrem geringe Tiefenschärfe auf. Fast ausschließlich mit einer wackeligen Handkamera gefilmt hängt sie an Silva und beobachtet ihn sowie die Menschen, mit denen er interagiert, mit großer Freude am Detail, während der Hintergrund ein unscharfes Meer verschiedener Grautöne ist. Oft sehen wir auch nur Silvas Hinterkopf, die Kameralinse nur wenige Zentimeter von diesem entfernt, als wolle sie die stillen Gedanken ihrer Hauptfigur dazu auffordern, sich ihr zu entblößen.
Verbunden mit dem zurückhaltenden Sounddesgin kreiert Sallato dadurch einen surrealen Effekt, der Silva fast gänzlich von seinem Umfeld isoliert. Silva scheint in seinem Kopf gefangen, die Situation zu erdrückend um sie vollends zu begreifen. Nur wenn er Fallschirm springt, und die Kamera von hoch oben durch seine Augen auf die Erde schaut, scheint er Klarheit und Freiheit zu fühlen. Daher gibt der Film auch nur an vereinzelten Stellen seinen Emotionen Raum, um sich zu entfalten. Meistens liegt es an uns, sie in den kalten Bildern des Films zu finden.
Die überraschende Weise, mit der „Hangar rojo“ die Geschichte eines realen Menschen erzählt – geprägt von visueller Klaustrophobie, der Handlung, die sich nur über wenige Tage erstreckt, und der emotionalen Distanz – lassen den Film auch nach dem Abspann noch im Kopf nachhallen. Dass sowohl Silva selbst, als auch das Setting eine Projektionsfläche bleibt statt vollends auserzählt zu werden, schadet dem Film bei seiner geringen Laufzeit nicht. „Hangar rojo“ liefert zwar – neben Zárates Schauspiel – kaum Highlights, doch überzeugt als Erlebnis, dass den Kinosaal in ein erschütterndes Gedankenexperiment verwandelt.