Filmkritik zu Nightborn

Szenenbild aus Nightborn Fotos: Polyfilm
  • Bewertung

    Needy Baby, Creepy Baby

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Der Wunsch nach einer großen Familie wird für ein junges Ehepaar zum grotesken Albtraum. Seidi Haarla und Rupert Grint wird ihre Naturverbundenheit zum Verhängnis.

    Irgendwie ist es in den vergangenen Jahren zur Mode geworden, das Thema Mutterschaft auf abwegige und unkonventionelle Arten und Weisen filmisch zu verhandeln. Die Berlinale 2025 hatte allein im Hauptbewerb zwei Filme im Aufgebot: der österreichische Psychothriller „Mother’s Baby“ von Johanna Moder über eine Mutter, die keine Bindung zu ihrem Retortensäugling aufbauen kann, und die US-amerikanische schwarze Komödie „If I Had Legs I’d Kick You“ von Mary Bronstein mit Rose Byrne als Mutter am Rande des absoluten Nervenzusammenbruchs – eine Rolle, für die sie eine Oscar-Nominierung erhielt. Sie setzte sich damit unter anderem auch gegen Jennifer Lawrence durch, die ihrerseits in „Die, My Love“ von Lynne Ramsay in eine postnatale Depression schlittert. Ja, das Genre der „Momsploitation“-Filme ist zurzeit ziemlich am Florieren, und der einzige Genrefilm im Wettbewerb der Berlinale 2026, „Yön Lapsi (Nightborn)“ der finnischen Regisseurin und Autorin Hanna Bergholm reiht sich in eine immer länger werdende Liste an Beiträgen ein.

    Die Handlung ähnelt stark jener von „Die, My Love“: in der Hoffnung, gemeinsam eine große Familie – sie wünschen sich drei Kinder – zu gründen, ziehen der Engländer Jon (Rupert Grint) und seine finnische Frau Saga (Seidi Haarla) in ein heruntergekommenes Haus in den finnischen Wäldern. Dass die Bäume ringsherum ziemlich unheimlich sind und sogar menschlichen Dämonen ähneln, stört die beiden nicht sonderlich, und sie zeugen ihr erstes Kind gleich mitten im Wald. Das soll sich alsbald rächen, denn als ihr Sohn, denn sie zuerst nach Jons Vater Michael benennen wollen, bevor Saga sich auf Kuura festlegt, zur Welt kommt, schreit der Säugling nicht nur unentwegt unheimlich – für die Schreie zeichnet „Sepultura“- und „Soulfly“-Frontmann Max Cavalera verantwortlich – sondern ist überdies auch noch stark behaart, hat einen irrsinnigen Durst nach Muttermilch und Blut, und verhält sich auch sonst sehr unheimlich. Saga merkt, dass mit Kuura etwas ganz und gar nicht stimmt, auch wenn Jon das nicht wahrhaben will.

    Man merkt ziemlich schnell, worauf Bergholm mit ihrem Film hinauswill, und worauf sie erzähltechnisch zusteuert. Das Ziel zu kennen, macht die Reise zwar langweiliger, aber dafür hat sie eine Geheimwaffe: Seidi Haarla. Die international wohl noch wenig bekannte finnische Schauspielerin tritt in die großen Fußstapfen namhafter Schauspielerinnen, die vor ihr die Krux der Mutterschaft in all ihren Facetten kennenlernen durften, und nimmt sich furchtlos der Herausforderung an, eine Jungmutter zu spielen, die an ihrem eigenen Verstand, ihren Fähigkeiten als Partnerin und Mutter, und einer wachsenden Bedrohung durch ihren eigenen Sohn zweifelt. So vorhersehbar und austauschbar die Handlung und die Figuren auch sind, Haarla macht das Horrordrama letztendlich sehenswert. Als ihr leidgeprüfter Leinwandpartner feiert der durch das „Harry Potter“-Franchise weltberühmt gewordene Rupert Grint ein Comeback als Vater, der versucht, seine Jungfamilie zusammenzuhalten, aber stattdessen immer mehr den Draht zu der furios aufspielenden Haarla als Saga zu verlieren droht. Ein wenig kann er einem schon leidtun, dann aber auch wieder nicht.

    Zuschauer sollten starke Nerven und Mägen mitbringen, wenn sie vorhaben, sich „Yön Lapsi“ anzuschauen. Allzu drastisch ist der Film zwar nicht inszeniert, aber einige blutige Überraschungen hält Bergholm, deren erster Spielfilm „Hatching“ 2022 bereits ein aufsehenerregender Body-Horror-Hit wurde, schon bereit. Es mutet ein wenig als Mischung aus „Rosemary’s Baby“ und „The Evil Dead (Tanz der Toten)“ an, mit deren unheimlicher Atmosphäre, den teuflischen Andeutungen, und den praktischen Schockeffekten. Kein besonders origineller oder überraschender Genrefilm, dafür aber wirklich gut gespielt.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    19.02.2026
    08:03 Uhr