Szenenbild aus Yo – Love Is A Rebellious Bird Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Das Haus, in dem sie wohnte

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Liebevolle Hommage an eine unvergleichliche Freundschaft: Anna Fitch gedenkt ihrer verstorbenen älteren Freundin Yolanda auf sehr einfallsreiche Weise in einer unkonventionellen Dokumentation.

    Wie zollt man einer über anderthalb Jahrzehnte währenden innigen Freundschaft ansprechend Tribut? Nun, wenn man wie Anna Fitch Dokumentarfilmerin ist, dann bietet sich ein filmisches Format schon einmal von Haus aus an. Und Fitch hat sich allemal Mühe gegeben, ihrer 2013 verstorbenen Freundin Yolanda, liebevoll „Yo“ genannt, ein filmisches Denkmal zu setzen. Fitch war 24, als sie die damals 73-jährige Yo im Jahr 1997 in einem Supermarkt kennenlernte, und die beiden verstanden sich auf Anhieb prächtig, wie Fitch im Voice-Over erzählt. Kurz nach ihrem 40. Geburtstag verstarb Yo, im stolzen Alter von 89. Yos Haus an der 19th Street im kalifornischen Pacific Grove wird zu einem Ort des Erinnerns.

    Dort hat Yolanda Shea 42 Jahre gelebt. Ein kleines, aber feines Haus. Fitch und ihr Ehemann und Ko-Regisseur Banker White zeigen in ihrem Film „YO (Love is a Rebellious Bird)“ Aufnahmen von Yo in ihrem letzten Lebensjahr. Als besonderes Projekt hat sich Fitch daran gemacht, einen Modellnachbau ihres Hauses im Maßstab 1:3 anzufertigen. So wird diese Hommage zu einer Familienangelegenheit, denn auch Fitchs und Whites Kinder kommen in der Dokumentation vor. Der Nachbau wird zu einer Art Puppentheater, in dem Ereignisse aus Yos Leben auf unterhaltsame und ungewöhnliche Weise nachgestellt werden. Ein Familienstreit zum Beispiel wird mit Insekten als Akteuren animiert. Yo selbst wird als Puppe gezeigt, und die beiden Regisseure nahmen diese auch zur Premiere nach Berlin mit. Fitch beweist hier auch sonst viel inszenatorischen Einfallsreichtum.

    Der mit 78 Minuten recht kurzweilige Film demonstriert die Kraft der Freundschaft zweier grundverschiedener Menschen, nicht nur in Bezug auf das Alter der beiden Frauen. Yo, mit ihrer unverblümten Ehrlichkeit, ist sehr sympathisch. Sie selbst hinterließ vier Kinder, die allesamt im Film Erwähnung finden. White und Fitch unterlegen das Ganze mit Stücken klassischer Musik, darunter auch den Radetzky-Marsch.

    Man sieht, warum die Wettbewerbsjury unter Leitung von Wim Wenders dem Regie-Duo den Preis für eine hervorragende künstlerische Leistung überreicht hat: nicht nur für die künstlerische Feinarbeit, die sie hier geleistet haben, sondern auch dafür, wofür sie das alles auf sich genommen haben: für die Würdigung eines ihnen wichtigen Menschen. Sich auf solch inspirierende Weise von einer geliebten Freundin zu verabschieden, und das ohne allzu sentimental oder aufgesetzt rüberzukommen, ist durchaus eine beachtliche künstlerische Leistung.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    10.03.2026
    19:13 Uhr