Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Mal witzig, mal bewegend beobachten wir Leben, Lieben und Leiden eines Vaters und seines Sohns in Singapur in Anthony Chens warmherziger Tragikomödie.
Die schönsten Geschichten sind immer die, die direkt aus dem Leben gegriffen sind. Genauso verhält es sich auch mit „Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren (We Are All Strangers)“, dem neuen, fünften Spielfilm des singapurischen Filmemachers Anthony Chen. Er erzählt von Boon Kiat (Andi Lim), dem gutherzigen Besitzer eines Nudelshops inmitten der pulsierenden Millionenstadt, der ein einfaches Leben bevorzugt. Nach dem Tod seiner Frau hat er Sohn Junyang (Koh Jia Ler) allein großgezogen. Mittlerweile 21, hat der Junge aber immer noch nicht den Ernst des Lebens begriffen, und das obwohl er bald seinen Militärdienst abgeschlossen hat. Stattdessen verbringt er seine Zeit lieber mit Freundin Lydia (Regene Lim), die hofft, ein Stipendium für eine klassische Musikausbildung zu erhalten. Die beiden jungen K-Pop-Fans werden schließlich mit unerwarteten Neuigkeiten konfrontiert. Auch der Papa findet in seiner Angestellten Bee Hwa (Yeo Yann Yann) eine neue Liebe, und sie heiraten nach Junyang und Lydia in einfachen Verhältnissen, da die Hochzeitsfeier des Sohnemanns bereits ein Vermögen gekostet hat. Gemeinsam auf engem Raum lebend, müssen sie in der Folgezeit viele Höhen und Tiefen gemeinsam meistern.
Von der ersten Minute an, in der wir Boon Kiat im Shop beim Zubereiten seines leckeren Hokkien-Shrimps-Nudeln zuschauen, zieht uns Chen hinein in diese kleine, sympathische Patchwork-Familie. Man freut sich mit ihnen – etwa, wenn Boon Kiat seine Angebetete Hwa auf ein Date im Bus einlädt, weil es der einzige angenehm klimatisierte Ort in der Stadt ist. Man fühlt mit ihnen in ihren dunkelsten Momenten, und auch davon gibt es in diesem insgesamt 157 Minuten langen Film einige. Nach dem Abspann habe ich als Zuschauer das Gefühl, den Figuren auf einer Achterbahnfahrt der Gefühle gefolgt zu sein. Zwischen Nudelshops, Luxusapartments, zwischen Traumjobs und Gelegenheitsjobs hin zum Influencer-Business hat „We Are All Strangers“ alles aufzubieten, was eine moderne romantische Tragikomödie hergibt.
Trotz allem fühlt sich der Film nie hektisch an, keine Geste wird verschwendet, kein Gefühl wird halbgar gelassen. Die vier Schauspieler agieren jeder für sich und im Zusammenspiel mit viel Freude an der Sache, was es ungemein leicht macht, sich für die Schicksale ihrer Figuren zu interessieren und empathisch mitzufühlen. Der verständnisvolle und liebevolle Vater, die von einer trinkfesten Kellnerin gereifte Stiefmutter, und die junge Schwiegertochter, deren Weg von der hoffnungsvollen Bühnenkarriere zur Managerin eines Fast-Food-Lokals reicht. Auch Junyang, obwohl sein Mangel an Verantwortung und Rechtschaffenheit sein tragischer Makel ist.
„We Are All Strangers“ driftet nur gelegentlich ins Sentimentale ab, schafft ansonsten aber die tonale Balance zwischen aufheiternder Komödie und niederschmetterndem Sozialdrama über die meiste Laufzeit hindurch gekonnt. Der Film ist in beeindruckende Bilder getaucht und wartet mit einem schönen Score auf, der auch ein paar K-Pop-Hits beinhaltet und mit einer Coverversion von Cat Stevens‘ „Father and Son“ den Film abschließt, liefert Chen vielleicht den Wohlfühl-Film der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin, ganz ohne Stars, ohne übertriebene Emotionalität oder anderweitige Effekthascherei. Diese emotionale Reise nach Singapur ist jedenfalls sehr empfehlenswert.
Chen liefert einen weiteren Beweis, das asiatisches Genrekino gegenwärtig eine besondere Hochphase erlebt und gewährt seinem Publikum eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die über zweieinhalb Stunden nie wirklich langweilig wird.