Filmkritik zu The Loneliest Man in Town

Szenenbild aus The Loneliest Man in Town Fotos: Stadtkino
  • Bewertung

    Alois Koch spielt den Blues

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    In dieser lakonischen Tragikomödie spielt der österreichische Bluesmusiker Al Cook die Rolle seines Lebens – sich selbst – in Tizza Covis und Rainer Frimmels bittersüßen Lebensabend-Story.

    Der Weihnachtsbaum wird ins Wohnhaus geschafft, im Keller noch ein paar alte Schellack-Platten aufgelegt. Gerade als es sich Alois Koch in seiner gemütlichen, aber in die Jahre gekommenen Wohnung festlich machen will, ist der Strom weg. „Sachen gibt’s!“ sagt er ganz beiläufig, fast schon überrascht. Überraschen sollte es ihn aber nicht, denn mittlerweile ist er der einzige noch verbliebene Mieter in der Ungargasse im dritten Wiener Gemeindebezirk. Sein ganzes Leben hat er in diesen vier Wänden zugebracht, in denen er viele persönliche Habseligkeiten herumliegen hat. Die Hausverwaltung macht ihm deutlich, dass auch er endlich aus dem Haus ausziehen muss, damit es abgerissen und durch eine neue Immobilie ersetzt werden kann. Aber wohin soll Alois, der sich als Al Cook den Status einer lebenden Blueslegende erarbeitet hat und von der Republik Österreich sogar ein Bundesverdienstkreuz erhalten hat, denn jetzt bitte gehen?

    Hier haben wir es nicht mit einem Dokumentarfilm zu tun, der das Leben und das Schaffen Cooks ausstellt. Vielmehr ist „The Loneliest Man in Town“ eine liebevolle Ballade auf einen Underdog, der seine besten Zeiten bereits längst hinter sich hat. Klar, er tritt immer noch vor Publikum auf, und er spielt den Blues genauso lässig wie zu Beginn seiner Karriere vor 50 Jahren. Doch der Zahn der Zeit nagt auch an ihm. Im Kern lässt sich sagen, dass Cook zu sehr an der Vergangenheit hängt und nicht merkt, oder eher nicht einsieht. Das macht ihn zu einem sympathischen Protagonisten in einem Film, der sich weniger wie eine Hommage an einen unverbesserlichen Rock’n’Roller, sondern vielmehr wie ein filmisches Dokument eines echten Wiener Urgesteins anfühlt.

    Genau das fangen Covi und Frimmel auch sehr gut mit ihrer Kamera ein. In einfachen, exakten Bildern wird dem Blues gehuldigt. Cook ist kein typischer Filmstar, er ist ja eigentlich streng genommen auch gar kein Schauspieler, aber er bringt so viel natürliches Charisma mit, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihm zu identifizieren und mitzufühlen. Wenn er sich nach etwa nach vielen Jahren wieder mit seiner Exfreundin wiedertrifft und diese, auf die Frage, warum es mit der Beziehung nicht funktioniert hat, trocken erwidert, dass man einem „Beatles“-Fan doch bitte keine „Elvis“-Platte schenkt, dann entlockt dies dem anwesenden Publikum nicht nur ein lautes Lachen, sondern auch vereinzelt Applaus. Der Film profitiert sehr stark vom Wiener Schmäh und viel Lokalkolorit.

    Al Cook schickt sich jedenfalls an, auf seine alten Tage noch einmal neue Bekanntschaft zu erringen, und vielleicht sogar neue Fans dazuzugewinnen, die bislang nichts von ihm oder seiner Musik mitbekommen haben. Dabei muss er sich gar nicht vor seinen großen Idolen aus Amerika verstecken. Wenn man etwas aus diesem kleinen, aber feinen Filmjuwel aus Österreich mitnehmen kann, dann, dass es hier genug Platz für interessante und ergreifende Geschichten gibt. Man muss nur genau hinsehen. Und: es ist nie zu spät, um noch einmal in die Saiten zu greifen und in die Tasten zu hauen. Das ist wirklich großartiges Kino aus Österreich. Mehr davon, bitte!
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    (Manuel Oberhollenzer)
    04.03.2026
    16:13 Uhr