Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Eine verkorkste, aber dennoch wohlhabende Familie hat allerhand Geheimnisse voreinander, die das ohnehin fragile Idyll bald völlig zerstört.
Es kann ganz schön hart sein, unermesslichen Reichtum zu haben, ohne jemals etwas dafür tun zu müssen, und dabei auch noch verdammt gut auszusehen. Die Protagonisten in „Rosebush Pruning“, der neuen schwarzen Komödie des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz, haben wahrlich solche Luxusprobleme. Vier amerikanische Geschwister leben zusammen mit ihrem blinden, exzentrischen Vater in einer abgeschiedenen Villa am Stadtrand von Barcelona – was nicht explizit erwähnt, sondern vielmehr subtil suggeriert wird. Sie stehen sich ausgesprochen nahe, in manchen Fällen sogar näher als erlaubt ist. Dann ist da noch der furchtbare Tod der Mutter zwei Jahre vorher, die angeblich im Wald von Wölfen zerfleischt wurde. Klingt interessant, klingt abgründig, ja richtig subversiv.
Wer jetzt an Filme wie „Dogtooth“ (2009) oder „Kinds of Kindness“ (2024) denkt, beide vom griechischen Enfant Terrible Yorgos Lanthimos, der wird sich sicher wenig über die Parallelen wundern, denn der Drehbuchautor dieser beiden Farcen, Efthymos Filippou hat auch „Rosebush Pruning“ geschrieben, das lose Remake des Spielfilmdebüts von Marco Bellocchio aus dem Jahr 1965. Einiges haben Filippou und Aïnouz verändert und modernisiert, etwa der Wechsel von einem weiblichen zu einem männlichen Oberhaupt. Die Geschichte ist im Kern immer noch die gleiche, und soll die oberflächliche Bourgeoisie aufs Korn nehmen. Das beweist schon einmal das ironische Voice-Over von Ed (Callum Turner), oder seine Obsession mit Designerschuhen, die er sogar übergroß am Himmel halluziniert. Seine Geschwister stehen ihm in ihrer Eitelkeit in nichts nach: die einzige Schwester, Anna (Riley Keough), giert nach Aufmerksamkeit und gefällt sich in der Rolle als einzige Frau im Haus. Robert (Lukas Gage) verkleidet sich gerne flamboyant und hat eine ungesunde Obsession zu seinem ältesten Bruder.
Dieser, Jack (Jamie Bell), scheint als Einziger noch einigermaßen normal zu sein, doch ihn verbindet auch ein schwieriges Verhältnis zum Vater (Tracy Letts). Jacks ernster werdende Beziehung zur Musikstudentin Martha (Elle Fanning) setzt eine längst überfällige Abkapselung in Gang, die die ohnehin schon fragile Familiendynamik endgültig aus den Angeln hebt. Und was ist denn nun wirklich mit ihrer Mutter (Pamela Anderson) passiert? Das ist durchaus unterhaltsam anzuschauen, auch dank der sympathischen Schauspieler, die herrlich unsympathische Figuren spielen. Man könnte fast meinen, Tracy Letts fühlt sich in seiner abgründigen und ungustiösen Nebenrolle ganz besonders wohl, hat er doch als Theaterautor so brutale und kompromisslose Stücke wie „August: Osage County“ oder „Killer Joe“ über zerstrittene und vollkommen verkorkste Familien geschrieben. Der andere MVP des Films ist Pamela Anderson, die ihrer unverhofften Karriere-Renaissance in den letzten Jahren ein weiteres Kapitel hinzufügen darf.
Der satirische Biss bleibt, wie die Figuren, die hier aufs Korn genommen werden sollen, weitgehend oberflächlich. Der Plot plätschert über weite Strecken vor sich hin, nimmt aber im dritten Akt ein paar interessante und irre Wendungen. Die Charaktere sind allesamt etwas unterentwickelt und bringen kaum Identifikationspotenzial mit. Die Chemie untereinander ist selten stimmig, was zumindest in der denkwürdigen Szene, in der Fannings Martha erstmals die Familie kennenlernt, gut zur Geltung kommt. So verschenkt der vielversprechende Film einiges an Drive, den ein solches Werk benötigt. Dafür gibt es ein paar schöne Szenen, etwa wenn der blinde Vater auf einem Pferd ins Verderben galoppiert.
Viel mehr als skizzenhafte Satire auf die Reichen und Schönen bietet Aïnouz leider nicht, trotz einer vielversprechenden Steilvorlage der italienischen Regielegende Bellocchio. Schade, denn mit dem Cast und den kreativen Verantwortlichen wäre viel mehr möglich gewesen.