Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
In Markus Schleinzers Historiendrama kehrt Sandra Hüller als geheimnisvoller Soldat aus dem Dreißigjährigen Krieg zurück, um sich in einer protestantischen Gemeinde ein neues Leben aufzubauen. Doch wer ist Rose wirklich?
Verdacht schöpft keiner, als Rose (Sandra Hüller) auftaucht und den Anspruch auf ein Stück Land erhebt. Die Urkunden sind korrekt, und der aus dem Krieg versehrte Soldat – er trägt eine Kette mit der Kugel, die sein Gesicht entstellt hat – macht seine Absicht deutlich, hier sesshaft werden und sich in der Gemeinde einleben zu wollen. Nach anfänglichem Zögern gewinnt er allmählich das Vertrauen der anderen Dorfbewohner, und als Rose mit dem Großbauern (Godehard Giese) um eine Erweiterung seines Anwesens verhandelt, drängt der auf eine Vermählung Roses mit seiner ältesten Tochter Suzanna (Caro Braun in ihrer ersten Filmrolle), da ihm seine Kinder „die Haare vom Kopf fressen“ würden. Rose und Suzanna bekommen ein gemeinsames Kind und sie arbeiten unermüdlich auf den Feldern. Doch Roses wahre Identität bleibt nicht lange verborgen und löst eine Tragödie aus.
Geschichten wie diese, nämlich dass eine längst verschollen geglaubte Person zurückkehrt, und sich dann herausstellt, dass die Person gar nicht die ist, die sie vorgibt zu sein, gibt es unzählige. Regisseur Markus Schleinzer und sein Ko-Autor Alexander Brom haben viele solcher Fälle recherchiert, von denen einige sogar ein glückliches und folgenloses Ende nahmen. In der Filmgeschichte enden solche Handlungen meist tragisch: die Sage von Martin Guerre etwa inspirierte ein französisches Drama aus dem Jahr 1982, das dann 11 Jahre ein US-amerikanisches Remake, „Sommersby“, mit Richard Gere und Jodie Foster in den Hauptrollen, erhielt. In beiden Beispielen ist es ebenfalls ein Kriegsveteran, der nach Jahren zurückkehrt, zuerst als verlorener Mann und Sohn wieder aufgenommen wird, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Und die Täuschung über das eigene Geschlecht hat Parallelen zu Kimberley Pierces bedrückendem True-Crime-Drama „Boys Don’t Cry“ (1999) mit Hilary Swank in ihrer Oscar-gekrönten Rolle als Transgender Teena Brandon, die 1993 Opfer eines brutalen Hass-Mordes wurde. Der Fall der Rose ist sogar historisch belegt, und sie gilt als letzte Frau, die in Deutschland wegen Sodomie hingerichtet wurde.
Inmitten der archaischen Gesellschaftspolitik einer einfachen, religiösen Kommune scheint kein Platz für Rose zu sein. Der Wunsch, als unabhängiger und ehrenwerter Bürger anerkennt zu werden, bleibt für sie nur ein frommer Wunsch. Welche Wahl bleibt ihr dann, als „in die Hose zu steigen“? Nach unserem heutigen Verständnis, insbesondere von Genderpolitik, ist es nur allzu nachvollziehbar, warum Rose einen solchen Identitätsschwindel aufzuziehen versucht. Der Zweck heiligt nicht zwangsläufig die Mittel, mit denen sie an ihr Ziel gelangen will, aber man versteht ihre Beweggründe. Für Suzanna wiederum ist der Ausweg aus ihrem Elternhaus, speziell ihres strengen Vaters, erstrebenswert, auch wenn sie nur an Rose „verkauft“ wird. Spätestens wenn Suzanna hinter Roses Geheimnis kommt, wandelt sie sich von einer „Trophäenbraut“ zu einer ernstzunehmenden Partnerin. Beide Figuren sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil eine solche eng miteinander verbandelte Kommune keine Geheimnisse duldet und diese auch drakonisch bestraft.
Schleinzer bebildert seinen Film nahezu vollständig mit statischen Schwarz-Weiß-Bildern, die fast schon gemäldeartig wirken. Das verleiht dem Film eine ruhige Aura, viele Einstellungen sind auch aus größerer Entfernung gedreht. Die schlichte Ästhetik trägt viel zur emotionalen Spannung bei, die „Rose“ aufbaut, ohne jemals zu effekthascherisch oder visuell ausgefeilt zu sein. Schleinzer lässt die Bilder für sich stehen. Auch die Musik transportiert eine sehr stimmungsvolle und elegische Atmosphäre.
In ihrer ersten Kinorolle überhaupt behauptet sich Caro Braun an der Seite ihrer gestandenen Schauspielkollegen bravourös und gibt eine vielversprechende Talentprobe ab, und wir werden sicher in Zukunft mehr von ihr sehen. Die international renommierte und längst auch in Hollywood angekommene Sandra Hüller haucht ihrer geheimnisvollen und ambivalenten Figur viel Leben ein. Wie sie einen aus jahrelangem Kriegsdienst zurückgekehrten und versehrten Soldaten spielt, der ein großes Geheimnis aus seiner wahren Identität macht, ist spannend mit anzusehen. Wenn Rose, ob der nicht enden wollenden Anschuldigungen über ihr wahres Geschlecht, vor versammelter Dorfgemeinschaft explodiert und ihnen mangelnde Dankbarkeit über ihre Wohltaten der Kommune gegenüber vorwirft, zeigt Hüller einmal mehr ihren großen Facettenreichtum als eine der führenden Charakterdarstellerinnen des deutschsprachigen Gegenwartskinos.
„Rose“ ist ein schlicht und exakt inszeniertes Historiendrama, das dank den stark aufspielenden Sandra Hüller und Caro Braun eine intensive Emotionalität aufbaut. Die Suche nach der eigenen Identität und einem Platz in der Welt als Ballade von der unbarmherzigen patriarchalen Kommune und der Opfer, die sie fordert.