Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Juliette Binoche, Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall brillieren in einem ergreifenden Drama um eine Familie, die nicht weiß, wie mit der demenzkranken Mutter umgegangen werden soll.
Es ist ein Anblick, der nicht nur Amanda (Juliette Binoche) erstaunen dürfte: als sie in die Londoner Wohnung ihrer Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall) und ihres Stiefvaters Martin (Sir Tom Courtenay) kommt und das Schlafzimmer betritt, erwischt sie die beiden beim Sex. Nicht, dass man einem 88-jährigen Mann und seiner 79-jährigen Frau keinen Ehevollzug zutrauen oder gönnen würde, auch wenn es ein sonderbarer Anblick ist. Das Problem ist vielmehr, dass Leslie bereits an fortschreitender Demenz leidet, und womöglich gar nicht weiß, dass sie gerade den Beischlaf vollzogen hat. Amanda tut, was sie für richtig hält und ruft die Polizei. Nun stehen sie und Martin vor einem großen Problem: soll und darf er sich weiterhin selbstständig um Leslie kümmern dürfen, soll eine Haushälterin in die enge Wohnung mit den steilen Treppen einziehen und ihm zur Hand gehen oder soll Leslie in einem Pflegeheim untergebracht werden? Martin weigert sich, seine Frau in andere Obhut zu geben und argumentiert sogar, dass Wissenschaftler regelmäßigen Koitus auch bei Demenzerkrankungen empfehlen würden. Amanda –deren Teenager-Tochter Sara (Florence Hunt) gerade dabei ist, ihre ersten sexuellen Erfahrungen zu machen – und Martin müssen entscheiden, ob sie Leslie noch genug Autonomie zugestehen können.
Es ist ein schmerzhafter und schwieriger Prozess, den die Familie in „Queen at Sea“ in Gang setzen muss. Die würdevolle und verantwortungsbewusste Gestaltung der letzten Lebensjahre der Mutter und Ehefrau ist eine Entscheidung, die keinesfalls leicht zu treffen ist. Das arbeitet Autor und Regisseur Lance Hammer in seinem erst zweiten Spielfilm nach „Ballast“ (2008) gut aus. Er stellt die Frage in den Raum, wie man Leslies Bedürfnissen am besten beikommen sollte. Kann sich Leslie überhaupt noch adäquat mitteilen, sodass sie in der Lage ist, eigenständige Entscheidungen zu treffen? Ist sie sich dieser Entscheidungen überhaupt noch bewusst? Und welches Recht haben ihre Tochter Amanda und ihr Mann Martin, wenn es darum geht, Leslies Lebensumstände zu evaluieren? Leslie verliert zunehmend den Bezug zu ihrer Umgebung, hat aber trotzdem noch einen sexuellen Appetit, den sie mit Martin auskosten möchte.
„Queen at Sea“ gelangt zu keiner einfachen Conclusio. Alle möglichen Szenarien – eine Haushaltshilfe und ein Pflegeheim – werden durchdekliniert. Gleichzeitig muss Binoches Amanda auch die aufkeimende Sexualität ihrer eigenen Tochter Sara zur Kenntnis nehmen. So steht sie zwischen zwei Generationen und ihrem Recht auf den eigenen Körper. Hammer entwirft ein interessantes und spannendes Familiendrama, in dem die Frage nach Autonomie und Selbstbestimmung unter den gegebenen Umständen einiges an Konflikten heraufbeschwört. Ähnlich wie etwa Michael Hanekes vielfach preisgekröntes Drama „Amour“ (2012) oder Florian Zellers niederschmetternder „The Father“ (2020) müssen sich die Angehörigen mit dem fortschreitenden geistigen und körperlichen Verfall ihrer Liebsten arrangieren.
Hammer gelingt ein sorgfältig beobachtetes und behutsam inszeniertes Melodram, in dem seine vier Darsteller allesamt zu Hochform auflaufen. Für die 19-jährige Florence Hunt ist es zudem die erste Kinorolle, was ihre Leistung umso bemerkenswerter macht. Es sind aber die beiden britischen Veteranen Sir Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall, deren Performances noch lange nach Ende des Films im Gedächtnis bleiben. Courtenay spielt Martin mit einer ungeheuren emotionalen Wucht und vitaler Präsenz, dass man stellenweise vergisst, hier einen fast 89-jährigen Schauspieler mit einer über sechs Jahrzehnte andauernden Karriere zuzuschauen. Hier liefert er die Krönung einer beispiellosen Laufbahn. Calder-Marshall gibt gleichsam die Performance ihres Lebens mit ganz wenig Dialog, aber viel Ausdrucksvermögen. Gemeinsam bilden die beiden ein herzzerreißendes Duo, das aufeinander aufbauend zu Tränen rührt, wie es sonst nur legendäre unter schlechtem Stern stehende Liebende der Literatur- und Theatergeschichte vermögen.
Eine bewegende und tragische Familiengeschichte, getragen von einem großartigen Quartett aus Charakterköpfen, ist „Queen at Sea“ ein Drama, das zum Nachdenken anregt und seine Hauptfiguren ernstnimmt.