Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Ein kleines bulgarisches Mädchen gilt als neuer Shooting-Star der Kunstszene, als ihre Bilder zu einem Internetphänomen werden. Aber ist sie wirklich so begabt, wie alle glauben?
Die Kunst ist schon ein eigenartiges Gewerbe. Jahr für Jahr werden Gemälde gezeichnet, Skulpturen angefertigt und Vernissagen konzipiert. Künstler investieren Unmengen an Zeit und Aufwand, um ein Statement auf eine Art und Weise anzufertigen, wie nur sie es in sich haben. Und dann treten sie mit ihrem Werk in die Welt hinaus, nur um auf große Argusaugen zu treffen, die entweder mit der Arbeit nichts anzufangen wissen, oder die Bedeutung nicht begreifen können oder wollen. Kunst ist subjektiv, oder wie man auch salopp formulieren könnte: „One man’s trash is another man’s treasure“. Aber große Kunst schert sich nicht darum, woher sie kommt und vor allem von wem sie kommt. Wenn sie begeistert, inspiriert und berührt, dann ist sie universell.
Das trifft auch auf die erst achtjährige Nina Sotirova (die Zwillinge Ekaterina und Sofia Stanina teilen sich die Rolle) aus Bulgarien zu. Ihre Mutter Kremena stellt begeistert Videos ihrer Tochter ins Netz, in denen das Mädchen beim Malen zu sehen ist. Die italienische Künstlerin Giulia Mancini (Chiara Caselli) will das Mädchen unter ihre Fittiche nehmen und zu sich holen, um sie auf eine große Karriere vorzubereiten. Doch zuerst muss die Authentizität der Kunstwerke sichergestellt werden. Eine Kunstagentur in Montreal wird beauftragt, einen Kurator ins ländliche Bulgarien zu entsenden, um die Familie kennenzulernen. Die Aufgabe fällt auf den gebürtigen Bulgaren Mihail (Galin Stoev), der seinem Heimatland vor über drei Jahrzehnten den Rücken gekehrt hat und eigentlich gar nicht mehr dorthin zurückreisen will, obwohl seine große Schwester mit ihrer Familie noch dort lebt und auch seine eigene Tochter Rose (Michelle Tzontchev) gerne mehr über ihre familiären Wurzeln wüsste. So wird die Arbeitsreise für Mihail zu einer zutiefst persönlichen Angelegenheit. Auch in Bezug auf Nina.
Eine der zentralen Fragen, die der Film stellt und für sein Publikum offen lässt, um sich selbst Gedanken darüber machen zu dürfen, ist die Suche nach Heimat. Mihail hat seine aufgegeben, um in Kanada neu anzufangen. Aber so einfach kann er seine Wurzeln nicht kappen. Die unverhoffte Familienzusammenkunft wird so zu einem schmerzhaften Abend für ihn, seine Schwester und ihre Angehörigen. Für Nina wiederum steht es eigentlich gar nicht infrage, ihr Dorf zu verlassen, will sie doch, anders als Mihail, ihre Heimat nicht verlassen. Ihr ist es zudem besonders wichtig, eine behütete Kindheit im Kreise ihrer Familie verbringen zu dürfen, ohne die Bürden der großen Kunst. Soll man das Kind, wenn es wirklich so begabt ist wie alle glauben, gegen ihren Willen in die große Welt entsenden, nur um von ihren unkonventionellen Bildern zu profitieren. Wo hört Kindeswohl auf und wo fängt Kindesausbeutung an?
Drehbuchautorin und Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles erzählt ihr Drama ruhig und mit sicherer Hand und erlaubt damit ihren Darstellern, allen voran Galin Stoev, ihre Figuren atmen und agieren zu lassen. Die Kamera von Alexandre Nour Desjardins fängt die Abgeschiedenheit und Schönheit der bulgarischen Provinz in einfachen, aber nichtsdestotrotz wunderschönen Bildern ein, die selbst in manchen Einstellungen wie beeindruckende Gemälde wirken. Unterlegt wird das Ganze mit einem elegischen und eingängigen Score von Joseph Marchand aus.
Nicht umsonst mit dem Drehbuchpreis der 76. Berlinale ausgezeichnet, gelingt Dulude-De Celles ein berührendes Melodram, das zwar nicht die ganz großen Emotionen bedient, aber dennoch dank der beeindruckenden Darbietungen Stoevs und der Stanina-Zwillingen in Erinnerung bleibt.