Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Ein zutiefst menschliches und ergreifendes Drama über die unverhoffte Freundschaft einer einsamen Frau und eines videospielbegeisterten Jungen in Mexiko-Stadt in Fernando Eimbckes „Moscas (Flies)“.
Wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt und im Spital bleiben muss, dann wird es für Angehörige oft schwierig, bei ihnen bleiben und ihnen Trost und Zuwendung spenden zu können. Nicht jede Familie hat ein Zuhause auf Zeit in der Nähe, wo man selbst zur Ruhe kommen kann, um die nötige Kraft zu tanken, die man für eine solche schwierige Situation aufbringen muss. Das trifft vor allem auf jene Familien zu, die gar nicht die nötigen Mittel und Wege haben. In seinem neuen Drama lässt Autor und Regisseur Fernando Eimbcke Vater und Sohn ein Zuhause auf Zeit finden, während die Mutter im nahegelegenen Hospital liegt. Er findet in dieser bedrückenden Geschichte Raum für eine wunderbare Verbundenheit zwischen dreier augenscheinlich unterschiedlicher Charaktere, die ob der Umstände ihres Kennenlernens langsam zueinanderfinden.
Die 55-jährige Olga (Teresita Sánchez) lebt allein in einem Wohnblock in Mexiko-Stadt. Weil sie bald am großen Zeh operiert werden muss, aber nicht das nötige Geld für den Eingriff beisammen hat, entschließt sie sich, ein Zimmer in ihrem Apartment unterzuvermieten. Tulio (Hugo Ramírez) meldet sich daraufhin bei ihr und zieht vorübergehend ein. Er schmuggelt seinen neunjährigen Sohn Cristian (Bastián Escobar) mit hinein, was Olga aber schon bald bemerkt. Sie will ihre beiden Mitbewohner schon bald wieder loswerden, ähnlich wie die herumschwirrende Fliege zu Beginn des Films. Dann verschwindet Tulio für einige Tage, um sich um seine krebskranke Frau im Spital zu kümmern. Der Junge spielt leidenschaftlich gerne am Spielautomaten „Cosmic Defenders Pro“ und jagt unermüdlich den Punktrekord des Spielers „RMT“. Als er seiner Mutter ihre Pantoffel ans Krankenbett bringen möchte, obwohl das Krankenhaus Besuche von Kindern streng verbietet, nimmt sich Olga des Jungen an, und stellt sich ihrer Einsamkeit.
In wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Eimbcke ruhig und mit viel Empathie die Geschichte dieser dreier Figuren in Mexiko-Stadt, die vom Schicksal zusammengeführt werden. Besonders der Rapport zwischen Sánchez‘ Olga und dem jungen Ramírez als Cristian bringt einige wirklich rührende Momente hervor, etwa wenn sie sich gemeinsam an die Spielmaschine stellen, damit Cristian den Punktrekord von „RMT“ knacken kann. Eimbcke gibt seinen Figuren die Zeit und den Raum, sich zu entfalten, ohne das Offensichtliche auszusprechen, was es dem Zuschauer erlaubt, sich selbst in sie hineinzufühlen. Das erweist sich insbesondere bei Olga als sehr effektiv, hat sie doch eine eigene tragische Backstory, die ihre Verbundenheit mit Cristian in ein wärmeres Licht rückt. So ist „Moscas (Flies)“ zwar ein weiterer Film über die Beziehung eines grantigen alten Menschen und eines lebensfrohen Kindes, die ersteren aus einer tiefen Lethargie herausholt, aber einer der trotz der vorhersehbaren Handlung tief berührt.
Meist sind es die kleinen, leisen Dramen, die einen nachhaltigen, bleibenden Eindruck auf den Zuschauer machen. Dieses bildet da keine Ausnahme. Gerade in unserer herausfordernden Gegenwart brauchen wir Geschichten über Zusammenhalt, unverhoffte Verbundenheit und die Kraft der Empathie, um uns daran zu erinnern, was Menschlichkeit wirklich bedeutet. Wenn Olga und Cristian zusammen im Wohnzimmer den „Cha Cha Cha“ tanzen, obwohl sie ihn zunächst gar nicht in ihrer Nähe haben wollte, dann zeugt das von einer Freundschaft, die aus geteiltem Leid entsteht. Olgas und Cristians Verluste werden dadurch zwar nicht vergessen gemacht, aber für einen Moment verdrängt und durch einen Ausdruck unbeschwerter Harmonie ersetzt. Freud und Leid liegen auch hier sehr nahe beieinander.
Mit viel elegischer Atmosphäre, schöner Schwarz-Weiß-Fotografie und dreier überzeugender Darbietungen schafft Eimbcke einen Film, der zu Herzen geht und uns zumindest für kurze Zeit in einem dunklen Kinosaal mit seiner humanistischen Botschaft daran erinnert, dass Nächstenliebe noch nicht gänzlich ausgestorben ist. Hoffentlich.