Filmkritik zu Salvation

Szenenbild aus Salvation Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Krieg nicht lieb

    Ein erbitterter territorialer Streit führt im Jahr 2009 zu einem völkerrechtswidrigen Massaker. Wie es dazu kommen konnte, davon erzählt der türkische Filmemacher Emin Alper in seinem Politthriller.

    Es ist durchaus passend, dass dieser Film im Wettbewerb der 76. Berlinale präsentiert wird. Nicht nur, dass wir gerade in politisch äußerst heiklen Zeiten leben, gerät das Festival selbst wegen kontroverser Fragen und noch umstritteneren Antworten zu politischen Themen schwer in Beschuss. Klar ist: Kunst ist politisch. Es existiert in keinem Vakuum. Und Kunst kann sich nicht aus geopolitischen Konflikten heraushalten. Sie muss es thematisieren, auch um damit einen Diskurs zu fördern. Wo immer ein politisches Ungleichgewicht herrscht, müssen Kameras hingehalten und das Geschehene für die Nachwelt dokumentiert werden, um möglichen Versuchen, das Ganze zu vertuschen oder zu beschönigen, zuvorzukommen, und auch um Anklage zu erheben gegen die Unmenschlichkeit kriegerischer oder gar barbarischer Aktivitäten.

    Vor diesem Hintergrund ist es besonders interessant und brisant, sich „Kurtulus (Salvation)“ von Emin Alper anzusehen. Sein Thriller ist inspiriert von einer wahren Geschichte, die 2009 weltweit für Schlagzeilen sorgte: in der türkischen Mardin-Provinz wurden 44 Menschen auf einer Party von maskierten Attentätern mit Maschinenpistolen und Handgranaten hingerichtet. Die zentrale Frage, die sich Alper mit „Salvation“ stellt, lautet: „Wie weit darf man gehen, um seine eigenen politischen Interessen zu wahren? Zu diesem Zweck stellt er zwei Brüder in den Mittelpunkt der Handlung, die beide für unterschiedliche Arten der Diplomatie einstehen. Da ist zum einen der jüngere, Ferit (Feyyaz Duman), der Scheich des Volkes der Bezari, die damit konfrontiert werden, dass der rivalisierende Clan, die Hazeran, nach einer vernichtenden Niederlage zurückkehrt und das Bergdorf, das die Bezari beheimatet, zurückerobern will. Ferit setzt auf vernünftige Verhandlungen und gewaltlose Konfrontation. Das stößt nicht überall auf Zustimmung, und sein älterer Bruder, Mesut (Caner Cindorcuk), der hohes Ansehen genießt, sieht den Angriff als beste Verteidigung. Alles läuft ein tragisches Massaker hinaus.

    Alper inszeniert seinen Film sehr dicht, mit einer brodelnden Intensität, die sich besonders in Charaktermomenten entlädt, in denen die verschiedenen Positionen aneinander geraten. Es ist gar nicht immer so einfach, der komplexen Handlung und seinen Figuren zu folgen, und es erfordert einiges an Durchhaltevermögen, um zum ganzen Ausmaß des Geschehens zu gelangen. Alper hält aber stets die Spannung aufrecht, und dank der Performances seiner Hauptdarsteller, insbesondere Caner Cindorcuk, gelingt ein aufwühlendes Mahnmal gegen den Genozid. Man fragt sich immer wieder, wer die Oberhand behält: Ferits Stimme der Vernunft oder Mesuts präventiver Gegenschlag. Der Film wiegt beide Seiten gegeneinander ab und dreht die Handlung zu einem tragischen, wenn auch nicht gänzlich ungestraft bleibenden – so viel wird zumindest suggeriert – Schlussakt.

    Im Krieg ist ganz sicher nicht alles erlaubt, das schreibt zumindest auf dem Papier die Genfer Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen vor. Der Zweck heiligt in keinster Weise die Mittel, die Mesut hier vorantreibt. Aber genau das ist der verhängnisvolle Fehler, den diese Figur hier begeht. So schafft Alper ein filmisches Dokument, über das man in der kommenden Zeit sicher noch öfter sprechen wird. „Kurtulus (Salvation)“ schafft mit seiner straffen Inszenierung genug Anregung zu Diskussionen und Evaluierungen.

    Ein Kriegsfilm, der keine Helden zelebriert, weil es in diesem Konflikt keine gibt. Eine Erinnerung daran, dass es für solche Gräueltaten wie in der Türkei keine Rechtfertigung geben darf, egal mit welcher Begründung. Ein zutiefst politischer Film, der spalten dürfte.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    19.02.2026
    23:24 Uhr