Filmkritik zu Josephine

Szenenbild aus Josephine Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Wir müssen da über etwas reden!

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Wie bereitet man ein achtjähriges Mädchen auf die dunklen Aspekte des Lebens vor, besonders wenn es ein traumatisches Erlebnis mit eigenen Augen mit ansehen muss? Diese Frage stellt sich Autorin und Regisseurin Beth de Araújo in „Josephine“.

    Wir leben in düsteren Zeiten, ja, das müssen wir uns eingestehen. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit deprimierenden Schlagzeilen konfrontiert werden. Krieg, Terror, wirtschaftliche Probleme. Gewalt, Gewalt und noch mehr Gewalt. Für erwachsene Menschen ist das ja noch einigermaßen erwartbar und auch im Rahmen des Erträglichen. Aber wie sieht das bei Kindern aus? Wie würden sie reagieren, wenn man sie mit solch dunklen Themen konfrontiert? Eltern sind natürlich gut beraten, wenn sie versuchen, ihre Sprösslinge so gut es geht vor solchen Sachen abzuschirmen oder zumindest ein ehrliches und behutsames Gespräch mit ihnen darüber zu führen, wie und warum es zu solchen Tragödien immer und immer wieder kommen muss.

    Ein ganz besonders heikles Thema ist jenes der „sexuellen Gewalt“. Das ist leider etwas, mit dem auch Kinder immer wieder konfrontiert werden. Gerade die Grenzen zwischenmenschlicher Intimität zu kennen und zu respektieren ist etwas, das man schon sehr früh lernen muss. Sich nicht mit Fremden einzulassen. Ein „Nein“ auch wirklich als „Nein“ aufzufassen. Körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten, sowohl die eigene als auch die anderer. Je besser man Kinder auf die eigene Sexualität vorbereitet, desto leichter wird es für sie, wenn sie erst einmal in die Pubertät kommen. Deswegen ist die Aufklärung auch ein so wichtiges Element der Erziehung. Unangenehm, aber essentiell. Peinlich, aber unvermeidlich. Aber was tun, wenn die eigene achtjährige Tochter beim Spielen im Park Zeugin eines schwer traumatisierenden Übergriffs wird?

    Das ist die zentrale dramatische Frage, die sich die Drehbuchautorin und Regisseurin Beth de Araújo gestellt hat. Und das tut sie aus eigener Erfahrung, denn sie hat als Kind tatsächlich selbst einmal einen Übergriff miterleben müssen und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse daraus in „Josephine“ einfließen lassen. Die Rolle ihres titelgebenden achtjährigen Surrogats im Film vertraute sie der jungen Mason Reeves an, die ein ungemein beeindruckendes Schauspieldebüt gibt. Es ist gar nicht übertrieben zu sagen, dass man Reeves eine fast schon übermenschliche Aufgabe gegeben hat, ein Mädchen zu spielen, das von einem Sexualverbrechen derart verstört wird, dass es Probleme hat, das Gesehene richtig zu verarbeiten. Ihre Eltern, Damien, gespielt von Channing Tatum in einer seiner besten Rollen mit einer Intensität, wie man sie so von ihm bislang nur in „Foxcatcher“ (2014) gesehen hat, und Claire, gespielt von Gemma Chan, wissen nicht, wie sie ihre Tochter in dieser Situation am besten unterstützen können.

    Und auch der Zuschauer muss für sich selbst ausloten, auf wessen Seite er sich hier stellt: Damien, sportlich und pflichtbewusst, will seine Tochter zu einer starken und gerechten jungen Frau erziehen, während Claire ihr lieber ihre jugendliche Unschuld zurückgeben möchte, die ihr auf einen Schlag mit dem traumatischen Erlebnis genommen wurde. Josephine wiederum reagiert verständlicherweise irrational: wenn ihre Eltern etwa den Beischlaf vollziehen, Josephine dies aber nicht als liebevollen ehelichen Akt erkennt. Und als wäre das nicht schon verängstigend genug, sieht Josephine in ihrer Imagination immer wieder den Vergewaltiger ganz unscheinbar durch die Wohnung flanieren. Es ist wahrlich ein äußerst schwieriges Thema, das de Araújo da aufgreift. Aber es gelingt ihr, es auf eine sensible Art und Weise zu erzählen.

    Das auslösende Ereignis an sich, in seiner schonungslosen Brutalität, ist schlicht und ohne Effekthascherei inszeniert und gerade deshalb so verstörend. Die beiden Schauspieler, Philip Ettinger und Syra McCarthy, verdienen viel Anerkennung für ihre mutigen Performances, die einiges von ihnen persönlich abverlangt haben. Generell haben wir es hier mit einem durch die Bank wirklich überzeugend und beeindruckend gespielten Drama zu tun. Sich auf solch kunstvolle Art und Weise mit einem Tabuthema auseinanderzusetzen, das in unserer Gesellschaft leider stets allgegenwärtig ist und immer noch nicht adäquat genug sanktioniert wird, ist keine Selbstverständlichkeit, genauso wie es keine Selbstverständlichkeit für Opfer solcher Taten ist, diese aufzuarbeiten. Das gilt auch für Zeugen solcher Verbrechen, wie eben Beth de Araújo.

    Wenn man etwas aus „Josephine“ mitnehmen kann, das die eigene Sicht auf die Thematik – die Eltern-Kind-Kommunikation, der Sinn für Gerechtigkeit, oder einfach nur die Auseinandersetzung damit an sich – positiv beeinflusst, dann hat der Film schon einen Nerv getroffen. Wie wichtig es ist, Kindern gerade in solchen Situationen aufmerksam zuzuhören und ihnen Schutz und Aufklärung zu bieten. Opfern zu helfen, auch wenn es nur eine kleine Geste ist. Und Täter nicht einfach so mit wenig Strafe davonkommen zu lassen. Das zeigt sich besonders eindrücklich an der spannenden, klimaktischen Kreuzverhörszene, in der Josephine abwechselnd vom Staatsanwalt und der Verteidigerin des Vergewaltigers befragt wird.

    „Josephine“ gehört nicht nur zu den besten Wettbewerbsfilmen der 76. Berlinale, sondern hat bereits jetzt das Zeug dazu, einer der meistdiskutierten Filme des Jahres zu werden. Dank eines starken Ensembles und einer unaufgeregten und gut beobachteten Regie brennt sich das Drama ins Gedächtnis ein und lässt nicht los. Ein wichtiger Beitrag zu einem wichtigen Thema.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    10.03.2026
    21:29 Uhr