Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
In seinem neuen Drama lässt der deutsch-türkische Regisseur und Ko-Autor İlker Çatak ein Künstlerehepaar an eine repressive Regierung geraten und um ihre Existenz und ihre Zukunft kämpfen.
Wie viel Wert und Gewicht hat die Meinungs- und Gedankenfreiheit noch in unserer heutigen Gesellschaft? Dürfen wir uns wirklich noch frei äußern, ohne befürchten zu müssen, dass uns jemand dafür bestraft? Dieses Fundament, auf das unsere pluralistische Gesellschaft aufbaut, ist längst keines mehr – stattdessen ist es nur mehr eine Worthülse, an die wir uns klammern, wenn wir unbeliebte Standpunkte kundtun und nicht wollen, dass diese einfach so in Abrede gestellt werden. Die Regierungen in Washington, Moskau, Peking und Ankara, nur um die mächtigsten der Welt zu nennen, unternehmen sowieso alles, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen und so ihr eigenes Image zu wahren. Wer es wagt, die Stimme gegen den Präsidenten zu erheben, wird zum Dissidenten oder gar Staatsfeind erklärt und muss fortan um seine Karriere oder um sein Leben fürchten.
Es ist eine erschreckende Entwicklung, die wir besonders in den vergangenen zehn Jahren beobachten mussten. Die schmerzhaften Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg und die menschenverachtenden Regime des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, des faschistischen Königreichs Italien und der stalinistischen Sowjetunion, von denen wir glaubten, dass wir sie aufgearbeitet und hinter uns gelassen haben, sie geben Anlass zur Sorge, dass sich so etwas ähnliches wiederholen könnte. In gewisser Weise tut es das bereits. In seinem neuen Drama „Gelbe Briefe“ des deutschen Regisseurs İlker Çatak, das komplett in türkischer Sprache gedreht wurde, zeigt er die Auswirkungen einer autoritär auftretenden Regierung auf, indem sie einen Theaterregisseur und seine Ehefrau, eine Schauspielerin, ins Visier nehmen.
Aziz (Tansu Biçer) ist nicht nur ein erfolgreicher Dramatiker, sondern auch Universitätsprofessor für Dramaturgie. Bei der Premiere seines neuesten subversiven Stücks, in dem seine Frau Derya (Özgü Namal) die Hauptrolle spielt, kommt es zu einem Zwischenfall, als der Gouverneur nicht nur zu spät zur Aufführung erscheint, sondern währenddessen auch noch ein Telefonat führt. Als sich Derya anschließend weigert, mit ihm für ein Foto zu posieren, löst das eine verhängnisvolle Kettenreaktion aus. Nicht nur dass das Stück abgesetzt und durch ein weniger problematisches ersetzt wird, verliert Derya auch noch ihren Platz im Ensemble. Für Aziz kommt es noch schlimmer, denn er wird, nachdem durchsickert, dass er seine Studenten offen zum Protest gegen die Regierung animiert, von der Universität beurlaubt. Weil sich Aziz, Derya und ihre Teenagertochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) in Ankara nicht mehr sicherfühlen, und der Prozess gegen Aziz‘ unrechtmäßige Kündigung erst in sieben Monaten anberaumt ist, gehen sie nach Istanbul, wo sie bei Aziz‘ Mutter Güngör (İpek Bilgin) unterkommen. Dort müssen sie sich an die neue Situation gewöhnen, kämpfen aber um ihre Karriere, und schließlich auch um den Zusammenhalt ihrer Familie.
Çatak drehte sein Drama zwar mit türkischen Akteuren in deren Muttersprache, jedoch nicht in der Türkei selbst. Die Szenen, die in der Hauptstadt Ankara spielen, wurden stattdessen in der deutschen Bundeshauptstadt Berlin gedreht, während Hamburg als Double für Istanbul fungiert. Das macht Çatak in großen Einblendungen unmissverständlich klar. Es wäre wohl durchaus gefährlich gewesen, einen Film, der offen die unfaire Behandlung von Künstlern durch ein autoritäres Regime thematisiert, direkt vor Ort zu drehen. So mussten Çatak und sein Team bei den Dreharbeiten auch keine störende Einflussnahme befürchten. Für ortskundige Zuschauer dürfte es dann wahrscheinlich etwas seltsam anmuten, zwei deutsche Millionenstädte als türkische Metropolen zu sehen, es mindert die Immersion in die Geschichte aber nicht unbedingt. Manche Einblendungen deutscher Schriftzüge habe man bewusst als stilistische Brechung a la Bertolt Brecht im Film gelassen.
Es ist ein Film, wie er brisanter und zeitgemäßer kaum sein könnte. Nicht nur, dass Çatak direkt von der Situation in der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan zur Geschichte inspiriert wurde, sondern auch jene in anderen Ländern, besonders in den USA in der Ära Trump 2.0, was zum allgemeinen Verständnis der Thematik beiträgt. Wie kritisch darf man sich dieser Tage noch zu politischen und gesellschaftlichen Themen äußern? Wie weit darf „Cancel Culture“ gehen? Und was macht das mit den Menschen dahinter? Denn in solchen Diskursen erschließt sich in der Regel die private, verletzliche Seite des Individuums nicht der Öffentlichkeit – was ohnehin gut ist, möchte man nicht auch noch in seinem Privatleben mit den Auswirkungen öffentlicher Anklagen konfrontiert werden. Çatak gelingt ein ehrliches, unaufgeregtes Portrait einer Künstlerfamilie im Brennpunkt, die zwischen ihrer Aufgabe als Theaterschaffende und Familie aufgerieben werden.
Die beiden Hauptdarsteller Tansu Biçer als Aziz und besonders Özgü Namal als Derya geben dabei eine starke, nachhaltig eindrucksvolle Performance ab. Wie Namal nicht nur um ihre Familie, sondern auch um ihre Integrität, ihre Glaubwürdigkeit, ihre öffentliche Wahrnehmung als ernsthafte Schauspielerin und politische Meinung kämpft, ist faszinierend zu beobachten. Biçer wiederum gibt seiner Figur genug Nuancen, sowohl souveräne als auch verletzliche. Beide tragen den Film über die gesamten zwei Stunden mit einer starken Präsenz, die sowohl das öffentliche Dilemma als auch das familiäre bis zum Schluss spannend hält.
Ein ernstzunehmender Wettbewerbsbeitrag der 76. Berlinale, gelingt Ilker Çatak nach „Das Lehrerzimmer“ eine weitere gesellschaftskritische Charakterstudie, die sowohl auf politischer als auch auf privater Ebene viel Diskussionsstoff bietet. Mit einer Kinoauswertung in der Türkei sollte aber auf absehbare Zeit nicht gerechnet werden.