Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Am Höhepunkt seines Schaffens verliert der Jazzpianist Bill Evans nicht nur seinen kongenialen Kreativpartner am Bass, sondern auch den Boden unter den Füßen. Er braucht dringend eine Pause.
Als „Intermission“ bezeichnet man gemeinhin im Theater und im Kino eine Pause zwischen einzelnen Akten, in der dem Publikum und den Performern ein paar Minuten Ruhe gegönnt wird, bevor es mit mehr Dramatik, Pomp und Pathos weitergeht. Das ist besonders bei langen Aufführungen sehr wichtig und hilfreich, will man doch nicht vor Erschöpfung kollabieren oder gar in Ohnmacht fallen. Dass es so etwas wie eine Intermission auch in der Musik gibt, hätte man dem begnadeten und überaus erfolgreichen Jazzpianisten Bill Evans (Anders Danielsen Lie) auch sagen können. Am Abend des 25. Juni 1961 gibt er mit seinem „Bill Evans Trio“, dem auch sein musikalischer Seelenverwandter Scott LaFaro am Bass angehört, einen denkwürdigen Auftritt, der in gleich zwei legendären Alben verewigt wird, „Sunday at the Village Vanguard“ und „Waltz for Debby“. Keine zwei Wochen später stirbt LaFaro bei einem Autounfall.
Und genau an diesem Punkt scheint das Genie Bill Evans vollends ins Stocken zu geraten. Mit seiner Freundin Ellaine (Valene Kane) nimmt er regelmäßig Heroin, sie streiten sich ständig, versöhnen sich aber auch immer wieder. Bill kommt bei seinem Bruder Harry Junior (Barry Ward) und seiner Familie unter, aber es gelingt ihnen nicht, Bill wieder aufzurichten, weswegen sie ihn nach Florida zu seinen Eltern Harry (Bill Pullman) und Mary (Laurie Metcalf) schicken. Dort bekommt Bill die nötige Ruhe, die er braucht, um mit seinem tragischen Verlust und seiner abhandengekommenen Leidenschaft für die Musik fertigzuwerden. Rückblickend betrachtet ist der Sommer 1961 auch nichts anderes als eine Intermission in der Karriere eines getriebenen Jazzmusikers, dessen Aussehen auf Fotos Regisseur Grant Gee faszinierte, sodass er ihn als Subjekt seines ersten Spielfilms auserkor.
Gee kennt sich im Bereich der Musik ja auch bestens aus: er hat nicht nur Dokumentationen zu Bands wie Joy Division und Radiohead gedreht, sondern auch ikonische Musikvideos wie Radioheads „No Surprises“, Coldplays „Shiver“ und Blurs „Tender“. Sein Auge für visuelles Storytelling kommt in „Everybody Digs Bill Evans“ besonders gut zur Geltung, denn er drehte den Film in kontrastreichem Schwarz-Weiß, bis auf drei kurze Sequenzen, die in den Jahren 1971, 1979 und 1980 spielen, und die die Schicksale der drei jungen Protagonisten Ellaine, Harry Junior und Bill offenbaren. Wie schon Anton Corbijn in seinem gefeierten Spielfilmdebüt „Control“ (2007), einem „Joy Division“-Biopic, das zufällig im gleichen Jahr erschien wie Gees Dokumentation zur Band, erzeugt der Film eine ganz eigene Ästhetik, die auch den Zeitraum, in dem der Film angesiedelt ist, widerspiegelt.
Es fühlt sich daher auf den ersten Blick auch gar nicht unbedingt wie ein Film aus der Mitte der 2020er Jahre an, sondern nimmt das Publikum auf eine Zeitreise ins New York der frühen 1960er Jahre mit, und untermalt das Ganze, dem Protagonisten entsprechend, mit einem eleganten, atmosphärischen und melancholischen Soundtrack. Für Jazzmusik-Fans ist „Everybody Digs Bill Evans“ natürlich ein absoluter Pflichttermin. Aber es gibt auch genug andere Gründe, sich den Film anzuschauen. Der norwegische Schauspieler Anders Danielsen Lie, der sich in den vergangenen Jahren zu einem ernstzunehmenden Charakterdarsteller entwickelt hat, dank eindrücklicher Nebenrollen in Joachim Triers „Die schlimmste Person der Welt“ und zuletzt in „Sentimental Value“, verschwindet hier förmlich in das bleiche Gesicht und die eingefallenen Wangen seiner Figur. Er spielt Bill mit einer präzisen unterkühlten Ruhe, die Bill als enigmatischen, gequälten und orientierungslosen Künstler mit Hang zur Selbstzerstörung porträtiert. Laurie Metcalf überzeugt in einer Paraderolle als Mutter, die ihren Sohn versteht und mit einer resoluten, aber dennoch verständnisvollen Art wieder aufpäppelt.
Das eigentliche Highlight des Films ist aber Bill Pullman. Der inzwischen 72-jährige Charakterdarsteller, der in den vergangenen vier Jahrzehnten in einigen Blockbuster-Produktionen zu sehen war, unvergessen etwa als Bad-Ass-US-Präsident in Roland Emmerichs Invasionsfilm „Independence Day“ liefert hier die beste schauspielerische Leistung seiner Karriere als Bills Vater Harry, der im Ruhestand so seine eigenen Probleme zu bewältigen hat, sorgt für einige wirklich ergreifende Momente, die Bill Evans im Laufe der Handlung zu alter Stärke zurückhelfen. Pullman könnte durchaus, mit der richtigen Release- und Werbestrategie, zu einem Geheimtipp für künftige Preisverleihungen werden.
Manch einer wird unken, „Schon wieder so ein Musikerfilm, wo der Musiker immer nur am Leiden ist“. Ja, aber genau darin liegt auch der Charme solcher historischen Künstler. Wie sie aus einem Tief wieder herausfinden und da weitermachen, wo sie dereinst aufgehört haben, ist, wenn man es gut macht, faszinierend anzusehen. „Everybody Digs Bill Evans“ ist in der Hinsicht nicht überragend, weil eben in altbekannten Mustern, aber dank Lie und Pullman und der atmosphärischen Musik sehenswert.