Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
Die Teilnahme an einer Casting-Show bringt nicht nur das Leben eines musikalisch begabten 16-jährigen Mädchens durcheinander, sondern auch das ihrer ganzen Familie.
Wer schon einmal eine Folge einer dieser unzähligen Musikwettbewerbe im Fernsehen gesehen hat, der kennt sie: diese Einspieler vor dem großen Auftritt eines Kandidaten. Ein Blick hinter die Fassade des Künstlers. Familie und Freunde kommen zu Wort, erzählen wie schwer es der Kandidat im Leben gehabt hat oder wie groß der Traum ist, endlich in die Welt hinauszutreten und vor einem Millionenpublikum sein Liedchen zu trällern. Es rührt zu Tränen, es inspiriert, es trifft mitten ins Herz. Diese sogenannten „Love Marks“ sind stilistische Fixpunkte jedes großen Gesangs- oder Talentwettbewerbs, sollen sie doch den Menschen zeigen, auf den das Scheinwerferlicht der Bühne gerichtet ist. Nun, einen solchen Einspieler als Aufhänger für einen Spielfilm zu verwenden, so etwas sieht man auch nicht alle Tage.
Eva Trobisch hat sich genau das aber für ihren neuen, inzwischen dritten Spielfilm vorgenommen. Und das Resultat ist erstaunlich gut gelungen. Wenige Filme im Aufgebot der 76. Berlinale schaffen es, den Zuschauer etwas mitzureißen und mit einem unbeschwerten oder zumindest guten Gefühl zu entlassen. Allein das verdient schon Anerkennung. Die Inszenierung, besonders die Casting-Show, die natürlich ganz offensichtlich von „The Voice of Germany“ inspiriert ist – anders benannt und mit drei statt vier Juroren, aber demselben Schema – fühlt sich stets leicht an, auch wenn die Familie im Zentrum der Handlung mit dem unverhofften Ruhm der Tochter, Enkelin, Nichte, Cousine etc. so ihre Probleme bekommt, die weitaus größer sind als auf den ersten Blick angenommen.
Lea (Shooting-Star Frida Hornemann) muss sich also überlegen, was sie dem Fernsehpublikum als „Homestory“ über sich erzählen möchte. Die Brainstorming-Session mit Raphael (Thomas Schubert) ist lustig anzusehen, fördert aber keine brauchbaren Ergebnisse zutage. Die Beziehung zu ihrer besten Freundin Bonny (Ida Fischer) ist angespannt. Ihre Eltern, Matze (Max Riemelt) und Rieke (Gina Henkel) sind zwar getrennt und sie ist mit ihrem neuen Partner wieder schwanger, sie raufen sich aber ihrer Tochter zuliebe zusammen. Das Wirtshaus ihrer Großeltern steht vor dem Ruin, aber Leas politisch aktivem Cousin Edgar (Florian Geißelmann) passt es nicht, dass ausgerechnet eine dem rechten Lager zugeordnete Organisation dort ein aufwendiges Event abhalten möchte. Dann ist da noch Leas Tante Kati (Eva Löbau), die als Museumsleiterin das Residenzschloss des Ortes Greiz bei Gera in Thüringen mit EU-Subventionen restauriert, aber Schwierigkeiten mit ihren Eltern wegen der DDR-Zeit bekommt.
Das ist alles auf den ersten Blick recht viel, und die familiären Konflikte nehmen mit zunehmender Laufzeit Oberhand über die Handlung, was den Film auch zwangsläufig etwas bremst. Nichtsdestotrotz spielt die Musik eine ausgesprochen wichtige Rolle im Film: Lea bestreitet ihr Casting mit „Fix You“ von „Coldplay“ und als wiederkehrendes musikalisches Thema spielt Trobisch immer mal wieder über den Film verteilt eine mitreißende akustische Version des Songs „Ciao Amore Mio“ der deutschen Sängerin Vanessa Loibl alias „Fuffifufzich“, der das Zeug zum absoluten Ohrwurm hat, wenn man ihn erst einmal gehört hat.
So wird die Suche nach der eigenen Identität eines Teenager-Mädchens im Scheinwerferlicht zu einer multigenerationalen Familienangelegenheit. Selten schafft es ein Film über das Schein und Sein von Castingshow-Teilnehmern, einen wirklich guten Blick hinter die Kulissen zu werfen. Trobisch fällt nicht auf gängige Klischees herein, sondern zeichnet ein interessantes und gut durchdachtes Portrait einer Familie, das zwischen Superstar-Ambitionen der Teenie-Tochter, Beziehungsproblemen der Eltern, Existenzängsten der Großeltern und Vergangenheitsbewältigungsprobleme der Großmutter vom geteilten Deutschland hin- und herpendelt. Das ist mal mitreißend, mal lustig, mal bewegend. Die tonale Balance hält der Film dabei über die knapp zwei Stunden sehr gut.
Weniger ein „Aschenputtel“-Märchen oder Dekonstruktion gängiger Casting-Show-Klischees als vielmehr ein berührendes Familiendrama mit einem interessanten Sujet als Aufhänger, bietet „Etwas ganz Besonderes“ genau das. Ciao, Amore Mio!