Filmkritik zu Dust

Szenenbild aus Dust Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Die Scherben unserer Hybris

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Was tun, wenn man nur noch 36 Stunden Zeit hat, bevor sein ganzes Lebenswerk den Bach hinuntergeht? Diese Frage versucht Anke Blondé in diesem menschlichen Drama über zwei raffgierige Finanzbetrüger zu beantworten.

    Eines habe ich mich beim Anschauen dieses Filmes immer wieder fragen müssen: „Sollte ich Mitleid für diese zwei Männer empfinden?“ Ist es richtig, was sie da tun? Ob man das nun guten Gewissens gutheißen kann, was die beiden Tech-Innovatoren Geert (Arieh Worthalter) und Luc (Jan Hammenecker) da treiben, während die Finanzblase, die die beiden aufgebläht haben, kurz vorm Platzen ist, muss jeder selbst beurteilen. „Dust“ bemüht sich dennoch, eine menschliche Seite der beiden (Anti-) Helden zu zeigen, und zu demonstrieren, dass auch solche Leute noch so etwas wie ein Gewissen haben können. Sie erkennen es nur leider viel zu spät. Dass Regisseurin Anke Blondé die Zeit ins Jahr 1999 zurückdreht, kurz vor der damals herbeigesehnten und gefürchteten Jahrtausendwende, gibt dem Film zwar einen nostalgischen Touch, unterstreicht aber auch die Zeitlosigkeit der zentralen Themen der Geschichte: Gier, Hybris und die daraus resultierenden Konsequenzen.

    Dabei beginnt alles so vielversprechend für die Beiden: sie präsentieren auf einem großen Kongress ihre neue revolutionäre Entwicklung, nämlich einen sprachgesteuerten Computer. Das ist 1999, nicht vergessen. Bei einem großen Galaempfang an einem Samstagabend konfrontiert sie ein Investigativjournalist über ihre aufgeblähten Erträge, die den Aktienwert künstlich in die Höhe getrieben hat. Ein Artikel darüber soll in 36 Stunden, also am Montagmorgen, erscheinen. Die Geschäftsführung ist nicht gewillt, ihnen den Rücken freizuhalten, auch um ihr eigenes Image zu wahren. Sie verbringen den gesamten Sonntag damit, kompromittierende Akten zu schreddern, Familie und Freunde vorzuwarnen und noch die eine oder andere Geldreserve entweder zu verstecken oder an diese zu verschenken. Aber werden sie sich, wenn der Skandal erst einmal publik ist, dann auch den Behörden stellen?

    „Dust“ ist etwas umständlich erzählt, denn der Film schneidet immer wieder unangekündigt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Das erfordert vom Publikum auch etwas Konzentration und eine erhöhte Denkarbeit, um die Fäden zusammenknüpfen zu können. Besonders viel Fachwissen über Wirtschaft und Unternehmenskultur erfordert Blondé von ihrem Publikum nicht, sodass sich auch einem Laien das Szenario erschließen kann. Das Hauptinteresse des Films liegt ohnehin nicht an den wirtschaftlichen Auswirkungen der Machenschaften von Luc und Geert, sondern vielmehr der Fallout und die menschlichen Dramen, die sich daraus ergeben. Luc etwa will sich vor seiner Verhaftung noch bei einem befreundeten Obsthändler entschuldigen und mit seiner Tochter sprechen, während Geert, der mit seinem Chauffeur Kenneth (Thibaud Dooms) nicht nur romantisch anbandelt, sondern auch überlegt zu fliehen.

    Als Zuschauer befindet sich in diesem Film in so etwas wie einer moralischen Zwickmühle. Einerseits lässt man sich auf die Erzählung Blondés über die beiden Finanzverbrecher ein, andererseits muss man sich fragen, warum man sich zwei Stunden fragt, ob und wie es mit den beiden Protagonisten ausgehen wird. Wenn etwa Luc in einem unachtsamen und verzweifelten Moment sein schickes Auto in den Matsch steuert, und beim Versuch, wieder herauszukommen, vom Scheitel bis zur Sohle im Dreck versinkt, so kann ich nicht umhin, mir ein schelmisches Grinsen nicht zu verkneifen. Klar, was diesen beiden Typen widerfährt, würde man seinem ärgsten Feind nicht wünschen, aber gleichzeitig erinnert man sich auch daran, dass Hochmut immer vor dem Fall kommt. Wie Ikarus, der zu nahe an der Sonne fliegt, und sich verbrennt, holt die Realität auch Luc und Geert ein. Ein bisschen Anerkennung verdient ihr Abgang in der Schlussszene.

    Für ältere Kinogänger dürfte die veraltete Technik – Windows-98-Benutzeroberfläche, Disketten, Nokia-Handys mit ihrem unverkennbaren Rufton – für einiges Schmunzeln sorgen. Im Großen und Ganzen unterhaltsam, auch wenn man den Hauptfiguren nicht viel Empathie entgegenbringen kann.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    17.02.2026
    20:16 Uhr