Filmkritik zu Dao

Szenenbild aus Dao Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Das Schicksal zieht seine Kreise

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Zwei Familienfeiern auf zwei verschiedenen Kontinenten und die Implikationen untereinander sollen Stoff für einen über dreistündigen Film bieten. Nun ja, Alain Gomis hat’s zumindest versucht.

    Als Filmkritiker auf einem großen Festival ist es so, wie wenn ein Kind alleine in einen Spielzeugladen spaziert. Man entdeckt immer wieder etwas, was einen interessiert, fasziniert und begeistert. Ab und zu muss man dafür aber auch mal an anderen Ecken vorbeischauen, die einen jetzt nicht unmittelbar ansprechen. Als aufgeschlossener Kritiker, der sich gerne einen Gesamtüberblick über die Bandbreite des diesjährigen Wettbewerbs verschaffen möchte, nimmt man aber auch solche Umwege gerne in Kauf. Schwierig wird es dann aber, wenn einem dann ein Werk vorgesetzt wird, das nicht nur sperrig und ereignisarm ist, sondern mit über drei Stunden Laufzeit auch noch ausufernd lang. Genauso verhält es sich mit „Dao“, dem französisch-senegalisch-guinea-bissauischen Film von Alain Gomis. Ein recht experimentelles Drama, beginnt es doch damit, dass er das Publikum Zeuge vom Casting-Prozess für „Dao“ werden lässt. Die Schauspieler sprechen also für die Rollen vor, in denen wir sie später dann sehen werden. Dieser brechtsche Verfremdungseffekt hat aber überhaupt keine Auswirkung auf den Film und wird auch sonst nicht mehr thematisiert. Warum man also rund eine Viertelstunde damit zubringen soll, erschließt sich mir zumindest nicht.

    Dann folgt aber die eigentliche Handlung: in Cacheu in Guinea-Bissau, einem der ärmsten Länder der Welt, reist Gloria (Katy Correa) mit ihrer Tochter Nour (D’Johé Kouadio) an, um an den Begräbnisfeierlichkeiten ihres Vaters teilzunehmen, die so einige spirituelle Rituale beinhalten. Ein Jahr später heiratet Nour dann James (Mike Etienne) in Frankreich und es folgt eine große Feier in einem Schloss, in dem gesungen, getanzt, gestritten und philosophiert wird. Immer wieder schwelgt Gloria dabei an Erinnerungen vom Begräbnis.

    Zumindest soll das impliziert werden. Wenn es aber nach der Anzahl an Zuschauern geht, die während des Screenings den Saal verlassen, ohne Wiederkehr, dürfte die Botschaft nicht wirklich angekommen sein. Mit einer strafferen Dramaturgie, weniger in die Länge gezogenen Szenen und interessanten Charakteren, denen man über einen längeren Zeitraum zuschauen möchte, hätte hier etwas Aussagekräftiges und auch Erinnerungswürdiges entstehen können. Gomis liefert nichts dergleichen. Das ist sehr schade, denn gerade Geschichten, die zum Teil oder zur Gänze in einem afrikanischen Land spielen, sollte es viel mehr im gegenwärtigen internationalen Kino geben.

    Die drei größten Sünden, die laut Billy Wilder ein Filmemacher begehen kann, sind „langweilen, langweilen und langweilen“. Aber genau das macht „Dao“. Ich bin zwar ehrenhalber und pflichtbewusst bis zum Ende sitzen geblieben, hätte aber schon nach einer Stunde fast aufgegeben. So ist das leider nichts.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    15.02.2026
    08:42 Uhr