Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2015
Leyla Bouzid lässt eine junge Frau auf ihre tunesische Familie treffen, um nicht nur einen Verlust aufzuarbeiten, sondern auch schmerzhafte Geheimnisse zu verhandeln.
Die eigene Sexualität ist ein Menschenrecht. Es soll jedem Menschen gestatten, zu lieben, wen er oder sie liebt, unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht. Und trotzdem ist es ungemein schwierig, besonders in muslimischen Ländern, freie Liebe offen ausleben zu dürfen. Das geht in manchen Staaten sogar so weit, dass Homosexualität unter Strafe gestellt wird, unabhängig davon, ob diese Form der Liebe offen ausgelebt wird oder nicht. Solche Länder sind bekannt dafür, besonders konservativ in ihrer Weltanschauung zu sein und Andersdenken nicht gerne zu tolerieren. Das macht es homosexuellen Paaren ungemein schwer, gesellschaftlich, aber auch innerhalb ihrer eigenen Familien Akzeptanz zu finden.
Regisseurin und Drehbuchautorin Leyla Bouzid hat sich dieses brisanten und aktuellen Themas mit ihrem neuen Spielfilm „À voix basse (In a Whisper)“ angenommen, und wurde damit in den Wettbewerb der 76. Internationalen Filmfestspiele in Berlin eingeladen. Es ist für Bouzid, deren Vater Nouri ebenfalls als Filmemacher tätig ist, der dritte abendfüllende Spielfilm: ein Familiendrama, anhand dessen Bouzid die Frage nach der eigenen Identität und Sexualität anhand ihrer Protagonistin Lilia verhandelt, die von der französischen Newcomerin Eya Bouteraa gespielt wird. Lilia, 32, arbeitet als Ingenieurin in Paris und lebt mit Alice (Marion Barbeau) zusammen. Alice begleitet Lilia nach Sousse im Nordosten von Tunesien, wo Daly, Lilias Onkel, beerdigt wird. Man hatte den homosexuellen Mann nackt aufgefunden, und die Polizei ermittelt auf ein mögliches Gewaltverbrechen. Lilia versucht, mehr über die Umstände von Dalys Tod herauszufinden, und unterhält sich auch mit seinem einstigen Lebenspartner Moncéf. Ihre eigene Beziehung zu Alice hält sie allerdings vor ihrer Familie, auch vor ihrer Mutter Wahida (Hiam Abbass), geheim, obwohl diese immer hinter Daly gestanden hat.
Bouzid inszeniert ihr Drama behutsam und mit ruhiger Hand. Sie schafft ein aufmerksam beobachtetes Familienportrait, in dem die resolute Großmutter das Sagen hat, während ihre Kinder und Enkelkinder allesamt ihre eigenen Sorgen und Ängste haben. Hauptsächlicher Katalysator der Familientragödie ist der Tod des Sohns, Bruders bzw. Onkels, aber dieser legt erst die tieferen Gräben zwischen Daly und seiner Familie sowie auch Lilia und der Familie frei. Sie kann sich nicht offen mit Alice als Freundin zeigen und gibt sie daher als ihre Mitbewohnerin aus. Für Alice wiederum bedeutet das, dass sie womöglich nie die Anerkennung von Lilias Familie erlangen wird. Überhaupt entsteht eine Kluft zwischen dem Leben, das sich Lilia in Frankreich aufgebaut hat, und den Vorstellungen und Wünschen, die ihre Großmutter und Mutter für sie vorgesehen haben, während Lilias Schwester insgeheim schon lange Bescheid weiß. Wenn Wahida dann mit Lilias Geheimnis konfrontiert wird, löst das natürlich eine sehr emotionale Reaktion in ihr aus.
Kann eine streng muslimische Familie, noch dazu in einem Land, in dem ihrer Ansicht nach unzüchtiges Verhalten unter Strafe gestellt wird, mit dem Wunsch einer Angehörigen, ihr Leben auf ihre eigene Weise zu gestalten, klarkommen? Ganz so einfach lässt sich das nicht beantworten, auch wenn „À voix basse (In a Whisper)“ am Ende versöhnliche Töne anschlägt. Bouteraa und Schauspielveteranin Abbass führen ein solides Ensemble an. Es ist ein gelungener Film über die innere Zerrissenheit einer Frau zwischen ihrem familiären Traditionsbewusstsein und ihrer eigenen verborgenen Sehnsucht nach ihrer wahren Liebe.