Filmkritik zu At the Sea

Szenenbild aus At the Sea Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Kopf über Wasser

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Amy Adams manövriert sich für Kornél Mundruczó durch eine weitere Tour-de-Force-Performance als Frau, die nach einer längeren Entziehungskur um ihre Familie und ihr Unternehmen kämpft.

    Das Kämpfen gegen innere Dämonen hat in der Kinogeschichte schon oft für schauspielerische Sternstunden gesorgt. Menschen zu spielen, die sich aus einem Tief herausziehen, um am Ende dann hoffnungsvoll in den Horizont hinauszublicken, ist eine Herausforderung, die jeder große Akteur früher oder später einmal auf sich nimmt. Amy Adams ist da keine Ausnahme: die inzwischen 51-jährige Amerikanerin hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer der führenden Charakterdarstellerinnen ihrer Generation hochgearbeitet, deren Aura und Renommée locker mit den ganz Großen mithalten kann. Wenn es also darum geht, eine Frau zu besetzen, die durch eine schwere Alkoholsucht zu einer längeren Entziehungskur gezwungen wird und dann ihr Leben, ihre Familie und ihre Karriere neu evaluieren muss, dann ist ihr Name einer der ersten, der fällt.

    Adams spielt Laura Baum, die bereits als Kind eine talentierte Tänzerin war, angespornt von ihrem ehrgeizigen Vater. Später übernahm sie seine Tanzschule. Sie ist glücklich mit Martin (Murray Bartlett) verheiratet und hat mit ihm Tochter Josie (Chloe East) und Sohn Felix (Redding L. Munsell). Das nach außen hin harmonisch wirkende Familienidyll ist jedoch nur Schein: Laura baut betrunken einen Autounfall und begibt sich daraufhin auf eine mehrmonatige Entziehungskur. Als Josie sie abholt, ist sie nicht sicher, ob es Mutter schon wieder gut geht, Felix ist vom Unfall noch traumatisiert und auch Martin fühlt noch keinen direkten Draht zu Laura. Gemeinsam leben sie im Haus von Lauras Familie in Cape Cod an der Küste Massachusetts. Dieses will Martin an den Investor der Tanzakademie, George (Rainn Wilson), verkaufen, um so die schlingernde Schule vor der drohenden Insolvenz zu retten. Laura muss um das Vertrauen ihrer Liebsten und um das Vermächtnis ihrer einst hoffnungsvollen Karriere kämpfen.
    Wer bereits einige Genrebeiträge zum Thema Suchtbekämpfung gesehen hat oder darin zumindest gut bewandert ist, der wird gleich wissen, auf was er sich da einlässt. Wirklich neu ist hier gar nichts. Der Plot plätschert über weite Strecken der Laufzeit dahin, ohne dass etwas wirklich bewegendes passiert. Die Konflikte sind vorhersehbar und skizzenhaft ausgearbeitet, was man durchaus verschmerzen könnte, wäre „At the Sea“ zumindest mit Emotionalität beladen. Leider lässt Drehbuchautorin Kata Wéber hier ihre durch die Bank gut besetzten Darsteller etwas im Stich, denn kathartische Resonanz löst der Film wenig bis gar keine aus. Das Setting suggeriert zwar eine sommerlich-leichte Atmosphäre, aber das Drama wirkt nur aufgesetzt und allzu konstruiert.

    Die Darsteller geben ihr Bestes, um den Film zu tragen, und Amy Adams wird ihrer Rolle als sich ins Leben zurückkämpfende Mutter gerecht. Ihre Performance ist roh und ungeschliffen, denkwürdige Momente, die man vielleicht eines Tages in einer Zusammenfassung bei einer Karriereretrospektive sehen wird, sind rar gesät. An ihrer Seite überraschen dafür Schauspieler, die eigentlich gar nicht fürs ernste Fach bekannt und renommiert sind: Rainn Wilson, bekannt als der exzentrische Dwight aus „The Office“, Comedienne Jenny Slate und Dan Levy („Schitt’s Creek“) geben allesamt interessant zu beobachtende Darbietungen ab, die sich mit denen ihrer gestandenen Leinwandpartner messen können. Besonders beeindruckend präsentieren sich unterdessen die beiden Nachwuchsdarsteller Chloe East und Redding L. Munsell.

    „At the Sea“ kann nicht an „Pieces of a Woman“ (2020), die niederschmetternde Charakterstudie von Regisseur Kornél Mundruczó und Autorin Kata Wéber, heranreichen. Zwar ist ihr neuer Film ein gleichsam ungeschönter Blick auf eine Frau, deren Leben um ihr herum auseinanderfällt, aber es fehlt an einem großen emotionalen Punch, der den Film über ein routiniert konstruiertes Suchtdrama ohne ausdrucksstarke Momente hebt. So bleibt „At the Sea“ unterm Strich enttäuschend zahm.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    23.02.2026
    22:19 Uhr