Filmkritik zu No Good Men

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  • Bewertung

    Leid und Liebe im Patriarchat

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Kann man einen Mann noch aufrichtig lieben, wenn seine Geschlechtsgenossen das weibliche Recht auf Selbstbestimmung strikt ablehnen? Den Glauben an das Gute im Mann hat Naru (Shahrbanoo Sadat) bereits aufgegeben. Als Kamerafrau, ohnehin eine Männerdomäne, sieht sich die in Kabul lebende und arbeitende Akademikerin kontinuierlich mit den patriarchalen Ressentiments ihrer afghanischen Heimat konfrontiert. Selbst im Eigenheim: ihr Ehemann betrügt sie am laufenden Band. Ihren Sohn würde sie am liebsten alleinerziehen, dem afghanischen Gesetz zufolge, bleibt das Fürsorgerecht dem Vater vorbehalten. Umso bedachter glaubt sie, agieren zu müssen, als einem verheirateten Kollegen gegenüber Gefühle aufkeimen. Sie verguckt sich in den 50-jährigen Reporter Quodrat (Anwar Hashimi), der feinfühlig auftritt. Kann er ihr angeschlagenes Männerbild retten?

    Wichtige Ansage, Film selbst unter den Möglichkeiten

    Wie jeder Film, der in aktiven Krisengebieten angesiedelt ist, spielt sich auch dieser nicht in einem Vakuum ab - redundanter Behauptungen zum Trotz, Kunst könne überhaupt apolitisch sein. Regisseurin Shahrbanoo Sadat, gebürtige Afghanin, Exil-Iranerin und selbst Hauptdarstellerin, setzt diese Geschichte bewusst unmittelbar vor dem verheerendsten Wendepunkt jüngster afghanischer Staatsgeschichte an: im Jahr 2021, knapp bevor der Taliban einen erfolgreichen Putsch in die Wege leitete. Romantische Sensibilitäten werden destruktiven Männeregos gegenüberstellt, die in einem erbitternden Kampf wieder die Macht an sich reißen und Infrastrukturen destabilisieren. Die Ruhe vor dem Sturm, das Kennenlernen zweier Individuen, deren Sorgen kaum verschiedener sein könnten, inszeniert Sadat erfrischend zärtlich, ohne die bittere Lebensrealität zu romantisieren. Während sich erste Repressalien abzeichnen, Journalistinnen und Journalisten lebensgefährlichen Drohungen ausgesetzt werden, kippt der Ton radikal. Zu radikal, um nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Und von der Beantwortung der These, die „No Good Men“ bereits mit seinem Titel anreißt, weicht man ebenso zurück. Als politisches Statement - zuweilen ein etwas schwammiges - ist Sadats Analyse der Strukturen, die den Ist-Zustand ihrer Heimat zugelassen haben, effektiv und wichtig. Und der Berlinale ist es hoch anzurechnen, diesem als Eröffnungsfilm eine so große Bühne zu bieten. Wäre nur der Film rundherum etwas ausgereifter, anstatt lediglich an der Oberfläche zu kratzen, würde dieses noch fernab des Festivalzyklus nachhallen. So ist es eine ehrenwerte Ansage, mehr nicht.
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    (Christian Pogatetz)
    12.02.2026
    22:16 Uhr

No Good Men

D/F/DK/ Nor/AF 2026
Regie: Shahrbanoo Sadat