Filmkritik zu The Moment

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Der Brat-Sommer ist vorüber

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Charli xcx ist alles, nur kein gewöhnlicher Popstar. Die Konzerte der im britischen Essex aufgewachsenen Musikerin gleichen in ihrer intimen Inszenierung mehr einem Rave, als den megalomanischen Sausen ihrer Berufskollegen. Charli mag es gern kompakt, persönlich, menschlich. Patzer dürfen geschehen, die eigene „messiness“ wird mit Stolz getragen. Was aber, wenn ein plötzlicher Hype deine Kunst auf ein ungeahntes Popularitätslevel hebt? Kann man den artistischen Prinzipien noch treu bleiben, wenn dein Dasein unfreiwillig zur Gelddruckmaschine ausartet? Soll man sich weiter dem Mainstream anbiedern? Fragen über Fragen, die Charli durch den Kopf gingen, als ihr „Brat“-Album sie 2025 in neue Sphären des Starseins katapultierte. Das Album und dessen schlicht giftgrün gefärbtes Cover waren die Initialzündung des „Brat“-Sommers. Dass ein Album so idiosynkratrisch, so ausgeflippt wie dieses einen Tik-Tok-Hype samt zusätzlichen Tänzchen auslösen würde, hätte niemand geahnt - Charli selbst am wenigsten. Wie geht man mit diesem Druck um, wenn 1000 verschiedene Stimmen auf einen einprassen? Zusammen mit ihrem langjährigen artistischen Begleiter, dem Fotografen Aidan Zamiri, wagt Charli das Gedankenexperiment. In „The Moment“ spielt die Hyperpopperin, eine der Mitbegründerinnen dieser avantgardistisch angehauchten Pop-Nische, die überhöhte Version ihrer selbst.

    Plötzlich Mainstream

    Der Film setzt an dem Punkt an, als „Brat“ sich zu dem Kultphänomen zu mausern scheint, als das man es heute empfindet. Charli, die seit den früher 2010er-Jahren („I Love It“) keinen Charthit gelandet hat, ist mit dem neugefundenen Publikum sichtlich überfordert. Wo mehr Hype, da auch mehr Geld im Spiel - das wittern die hungrigen Studiobosse. Charli wird gebeten, ihre Tour zu dokumentieren, Regie soll der angesehene Konzertfilmer Johannes Godwin (Alexander Skarsgård) führen. Dessen größenwahnsinnige Bühnenvision entspricht allerdings nicht der einer Charli xcx. Die Musikerin fällt in eine Sinnes- und Identitätskrise.

    Rohe Industriestudie ohne Maulkorb

    Eine Mockumentary, die sich mit der Musikindustrie befasst, ist gewiss keine Neuerfindung des Genres. „This is Spinal Tap“, die Rockumentary schlechthin, war nun mal der erste Film dieser Zunft. Obwohl „The Moment“ aber viele unterhaltsame Momente parat hält, ist Charlis Mockumentary keine Komödie. Messerscharf rechnen sie und Regisseur Zamiri - das Drehbuch basiert auf einer gemeinsamen Idee – mit einem Geschäft ab, das seine Stars wie perfekt geölte Maschinen behandelt, die auf Knopfdruck zu funktionieren haben. Mit beeindruckender Demut reflektiert Charli darüber, wie sie die Kontrolle über ihr eigenes Werk verloren hat. „Brat“ wurde größer, als sie es je war und - so gesteht man sich ein - größer, als man je sein wollte. Diese Ehrlichkeit mit sich selbst und der Industrie, innerhalb derer Grenzen man seine Kunst anfertigen muss, würde vielen ihrer Weggefährten gut tun. Vielleicht polarisierte gerade deshalb der Film nach seiner Premiere am Sundance Festival so sehr. „The Moment“ scheut sich nicht vor der unschönen Kehrseite des Business. Und damit sind nicht Kokspartys und der Mut zum Scheitern gemeint. „The Moment“ spricht sich offen aus gegen die Puppenspieler im Hintergrund, die persönliche Kunst zum kommerziellen Produkt zweckentfremden. Aufgepasst: Swifties könnten sich von dieser Abrechnung mit perfekt durchgetakteten Konzertfilmchen auf den Schlips getreten fühlen. Anstatt sich auf dem Erfolg auszuruhen, trägt Charli in diesem Film ihre „Brat“-Ära mutig zu Grabe. Aus die Maus. Ende Gelände. Wie ein Phönix aus der Asche wird Charli aber auch „post-Brat“ musikalisch wieder auferstehen. Ohne dem Druck etwaiger Geldgeber. Ohne aufgeblasenen Gadgets und Tänzen. Als ihr 100% authentisches, erfrischend imperfektes Selbst. „Brat summer is over.“ Charlis künstlerischer Weg aber noch lange nicht vorbei.
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    (Christian Pogatetz)
    15.02.2026
    08:47 Uhr