Filmkritik zu Digger

Szenenbild aus Digger Fotos: Warner Bros, Constantin Film
  • Bewertung

    Wer anderen eine Grube gräbt, …

    Exklusiv für Uncut
    …hat ein Grubengrabgerät. Tom Cruise ist zurück! Und dieses Mal darf er auch wirklich schauspielern. Nachdem er mehr als zehn Jahre lediglich in (teils grandiosen) Actionfilmen zu sehen war, kehrt das Hollywood-Urgestein als Öl-Tycoon Digger Rockwell mit einer schwarzen Satire auf die Leinwand zurück. In Alejandro G. Iñárritus („Birdman“, „The Revenant“) neuem Werk muss die Hauptfigur für ihre Fehler geradestehen und eventuell die Welt retten – aber ist das, wie wir es bei Cruise gewohnt sind, vielleicht auch eine „Mission: Impossible“?

    Digger Rockwell (namentliche Ähnlichkeit mit John D. Rockefeller vermutlich rein zufällig *zwinkerzwinker*) ist gerade aufgestanden, doch nervige Anrufe vom Umweltbeauftragten seiner Bohrungen an der grönländischen Küste unterbrechen seine Morgenroutine. Ein Riss in der Eisschicht hat sich gebildet? Ganz sicher? Ist das wirklich so schlimm? Besser nochmal die Modelle laufen lassen, immerhin würde das Einstellen der Bohrungen Verluste von rund 18 Milliarden Dollar und tausenden Arbeitsplätzen bedeuten. Bevor Antworten auf seine Fragen kommen, ist es allerdings passiert – eine riesige Eisscholle spaltet sich ab und beginnt auf Nordeuropa zuzurasen, was Überschwemmungen von katastrophalem Ausmaß bedeuten könnte. Digger muss sich jetzt in Sachen Damage-Control beweisen, sowohl bei der buchstäblichen Katastrophe als auch bei der Wahrung seines Gesichts als Geschäftsmann.

    Mit der Natur kann man nicht verhandeln

    Wer sich an „The Revenant“ und die Diskussion um den Film erinnern kann, weiß vielleicht noch, wie Leonardo DiCaprio (damals hochgelobt für den Verzehr einer rohen Bisonleber) bei der Entgegennahme seines Oscars auf die Gefahren des Klimawandels hinwies, dazu aufforderte, integre Politiker*innen zu stärken, die nicht aus der Hand der großen Lobbyisten futtern, sowie vor der alles übertönenden Politik der Gier warnte. Auch Iñárritu äußerte sich dazu. Beim Dreh des Abenteuerfilms musste die Crew in immer entlegenere Gebiete ziehen, um lediglich Schnee zu finden. In einem Interview meinte der Regisseur, dass ihn immer wieder überrasche, wie Politiker*innen „zwischen 1 °C und 2 °C Erwärmung abwägen würden, als ob es keinen großen Unterschied mache“. Beim Dreh für „The Revenant“ hätten er und seine Crew oft den Unterschied, den 1 °C machen kann, bemerkt – entweder hat man Eis oder Wasser, mit der Natur könne man nicht verhandeln.

    Das könnte damals schon den Grundstein für „Digger“ gelegt haben. Die Hauptfigur verkörpert jedenfalls die Politik der Gier, vor der DiCaprio in seiner Rede 2016 warnte. Fast schon allmächtig wirkt Tom Cruise als Digger, wenn der US-Präsident (John Goodman) und sein ganzes Kabinett, inklusive Priester, in seinem (!) Konferenzzimmer für die Krisensitzung antanzen. Er ist es auch, der anderen Staatschefs erklärt, was Sache ist und das letzte Wort hat, wenn das weitere Prozedere besprochen wird. Damit wird ein Bild gezeichnet, das leider unserer Realität viel zu sehr ähnelt und die Macht, die Ölkonzerne in unserer Gesellschaft haben, schonungslos abbildet.

    Kein Raum für Eskapismus

    Man könnte sich jetzt berechtigterweise fragen: Muss man sich eine Satire ansehen, wenn die Nachrichten heutzutage kaum davon zu unterscheiden sind? Wenn die Realität noch absurder ist als die Erzählung? Es gab ja schon einige Filme mit ähnlichen Thematiken, z. b. „Don’t Look Up“! Ich denke mir: Solange es diese Umstände gibt, sollte es auch Filme geben, die diese Gegebenheiten abbilden und sich über die involvierten Personen lustig machen. Gerade die mutwillige Zerstörung unserer Ökosysteme wird in den Medien oft von Kriegen und Inflation in den Hintergrund gedrängt, ist aber (wie leider schon an jedem Tag, seit ich denken kann) so wichtig wie nie zuvor.

    Durch seine unsympathischen Figuren und die ermüdende Thematik mag der Film im ersten Moment sehr anstrengend wirken – glücklicherweise erweist er sich dann doch nicht als das, was die Trailer vermitteln und führt seine eigene Geschichte auf unerwartete Ebenen, die man vor dem Kinobesuch nicht vorwegnehmen sollte. Der großartige Cast (u. a. Riz Ahmed, Sandra Hüller, Jesse Plemons und auch „House of the Dragon“-Liebling Emma D’Arcy), Szenenbild und Kostüme sowie Emmanuel Lubezkis Kameraarbeit liefern gemeinsam eine Glanzleistung ab, die durch einen minutenlangen Monolog von Tom Cruise vor einem Tribunal aus Staats- und Regierungschefs gekrönt wird.

    Hurra – die Welt geht unter!

    In seinen besten Momenten ist „Digger“ genial, böse, witzig und dabei so realistisch, dass das Lachen im Hals stecken bleibt – in seinen schwächeren Momenten ist er immer noch extrem unterhaltsam. Manchmal wünscht man sich ein bisschen mehr Subtilität, andererseits würde das nicht zur Hauptfigur passen – denn die personifizierte Politik der Gier kennt dieses Wort einfach nicht.
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    (Martin Dadak)
    02.10.2026
    18:16 Uhr