Exklusiv für Uncut
Stell dir vor, du stehst kurz vor deiner Hochzeit. Stell dir vor, du hast deine:n Partner:in vor Jahren auf die romantischste Weise in einem Café kennengelernt – du warst zwar nicht gut darin, andere anzusprechen, aber da bist du über deinen Schatten gesprungen und es hat, trotz deiner tollpatschigen Art einfach geklappt. Stell dir vor, ihr lebt das perfekte Leben als Paar, seid unfassbar ineinander verliebt und beim Ausarbeiten der Hochzeitsrede fällt es dir schwer, all die Glücksgefühle, die du mit dieser Person verbindest, in Worte zu fassen. Du hast das Gefühl, niemanden anderen so gut zu kennen.
Und dann offenbart diese Person wenige Tage vor dem Festakt ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit, wodurch du den ganzen Menschen hinterfragst.
Wie gut kennen wir uns wirklich?
Die Schwere dieses Geheimnisses wird in „The Drama“ noch einmal unterstrichen, denn Emma, um die es geht, wird von Zendaya gespielt – was könnte jemanden dazu bewegen, sie nicht heiraten zu wollen? Charlie (Robert Pattinson) und sie stecken in den letzten Vorbereitungen für den gemeinsamen großen Tag: Tanzchoreografie, DJ, Fotografin – alles muss perfekt sein. Bei der finalen Weinverkostung mit ihren beiden Trauzeugen Rachel (Alana Haim) und Mike (Mamadou Athie) spielen sie ein Spiel, bei dem alle Beteiligten „das Schlimmste, das man je getan hat“ teilen müssen. Während Mikes und Rachels Geheimnisse regelrecht weggelacht werden, fällt es Charlie sogar schwer, sich etwas einfallen zu lassen. Doch als Emma an der Reihe ist, bleibt allen das Lachen im Hals stecken – die Stimmung kippt, von der Vorfreude auf die Hochzeit ist nichts mehr zu spüren.
Wir folgen vor allem Charlie, der überhaupt nicht weiß, wie er mit der Situation umgehen soll. Hat er Emma jemals wirklich gekannt? Ist er im Begriff, eine Psychopathin zu heiraten? Die Antworten auf diese Fragen sucht der Museumskurator überall, außer bei seiner Verlobten. Durch Freunde, Bekannte und das Internet versucht er herauszufinden, wie er sich zu fühlen hat – denn er selbst weiß es einfach nicht. Einerseits liebt er Emma und will ihr vertrauen, aber ist das das gesellschaftlich Richtige? Zwischen diesen Stühlen wandert er unbeholfen Richtung Hochzeit, die man natürlich auf keinen Fall absagen darf – was würden denn die Leute denken?
Emma hingegen wird komplett isoliert. Ihre engsten Bezugspersonen wenden sich von ihr ab und ihr Partner hat sogar ein bisschen Angst vor ihr. Was die beiden in erster Linie tun sollten, wäre, über das Ganze zu reden – das geht aber nicht, denn dafür müssten Themen aus einer traumatischen Zeit wieder ausgegraben werden und das will Emma nicht so kurz vor der Trauung durchmachen müssen. Also setzen die beiden ihr bestes falsches Lächeln auf, um die Tage zu überstehen. Und es wäre kein Kristoffer Borgli Film, wenn ihnen das einfach so gelänge.
Performatives Urteilen
Der norwegische Regisseur und Autor schafft es wieder, dort hinzudrücken, wo es wehtut. Borgli hat ein ausgezeichnetes Händchen für unangenehme Situationen und treibt das in „The Drama“ auf die Spitze. Wer den Film in einem vollen Kinosaal sehen darf, wird angespanntes Einatmen und einige nervöse „Oh mein Gott“-Rufe hören. Dennoch steht nicht nur die amüsante Peinigung der Zuschauer:innen im Mittelpunkt – der Regisseur bettet den Konflikt auch auf einer gesellschaftlichen Ebene ein.
Wie schon bei seinen vorigen Filmen „Sick of Myself“ und „Dream Scenario“ behandelt er auf köstlich provokante Weise die Themen gesellschaftliche Wahrnehmung und Urteil. In „The Drama“ beleuchtet er das Schwarz-Weiß-Denken, das sich bei vielen entwickelt hat und die Unmündigkeit von Individuen, eine eigene Meinung zu bilden und zu verteidigen. Das trifft im Film vor allem auf Pattinsons Charakter zu – sein Handeln ist komplett von der Meinung anderer abhängig und man kann sich sicher sein, dass er ganz anders reagiert hätte, wenn das Geheimnis nicht in einem sozialen Setting, sondern vielleicht im vertrauten Schlafzimmer offenbart worden wäre. Man stellt sich unweigerlich die Frage, wie man selbst reagieren würde und, ob man genug Selbstvertrauen hätte, um gegen den Strom der kollektiven Meinung zu schwimmen.
Unangenehm gut
Auf einer technischen Ebene ist der Film so gut wie makellos. Man muss allerdings vielleicht auch weniger Arbeit in ein stimmiges Bild stecken, wenn Zendaya und Robert Pattinson die Hauptsujets sind. Gerade in den ersten Minuten baut der Film durch die tadellos eingerichteten Sets und einer gekonnten Lichtsetzung die perfekte Illusion einer beneidenswerten Beziehung auf – nur, um einem dann den Boden unter den Füßen wegzureißen. Der Soundtrack, durchzogen von einschneidenden, hohen Flöten, trägt seinen Teil dazu bei, die unangenehmen Momente noch einmal zu verstärken.
Manche werden ihn lieben, anderen wird er zu unangenehm sein – Kristoffer Borglis „The Drama“ wirkt auf jeden Fall nach. Höchst unterhaltend und bis in die kleinste Nebenrolle perfekt gecastet, gibt der Film seinen Zuschauer:innen ein paar persönliche Fragen für den Heimweg mit – aber vielleicht will man doch nicht alles über seine bessere Hälfte wissen.