Exklusiv für Uncut
Diesen Satz sagt Astrid Lindgrens Tochter Karin, die im Film immer wieder zu Passagen aus dem Tagebuch befragt wird. Sie war zu der Zeit, als die Tagebücher entstanden und der Krieg ausbrach, noch sehr klein. Ihr sechster Geburtstag wird im Tagebuch beschrieben, der erste ohne den Vater, der kurz vorher einberufen wurde. Karin war ein ängstliches und krankes Kind und sehr wichtig im Leben der Mutter. Denn während der Krankheitsphasen musste Astrid Lindgren ihr ständig Geschichten erzählen. Und aus diesen Geschichten entstand ihr erstes Kinderbuch. Dass also die Kriegszeit das humanistische Menschenbild, das ihre Kinderbücher zur Grundlage haben, und ihre Entwicklung zur Autorin wesentlich mitgeprägt hat, zeigt der Film.
Der für seine Künstlerbiografien bekannte deutsche Regisseur Wilfried Hauke zeichnet das Leben der damals als Schriftstellerin noch unbekannten Astrid Lindgren während der Kriegsjahre nach, indem er sie selbst durch ihr Tagebuch sprechen lässt. Dort analysiert sie die Unvorstellbarkeit und den Wahnsinn des Krieges, der in den Nachbarländern Europas tobt, die Angst, dass auch Schweden betroffen sein wird und die schizophrene Erfahrung, selbst in relativer Sicherheit und relativem Komfort leben zu können und wenig zum Kriegsende beizutragen. Der Regisseur zeigt diese Zerrissenheit, indem er Passagen durch die schwedische Schauspielerin Sofia Pekkari als Astrid Lindgren und den deutschen Schauspieler Tom Sommerlatte als ihren Mann Sture nachspielen lässt. Astrid schneidet Artikel aus Zeitungen aus (wie sie diese wirklich ins Tagebuch geklebt hat), schreibt oder erzählt ihrer Tochter etwas. Die Familie schwimmt im See, das Licht fällt golden durch die Bäume, die Idylle scheint perfekt, der Krieg weit entfernt.
Astrid Lindgren, die für den schwedischen Geheimdienst Briefe zensiert und deren Mann einen guten Posten besitzt, gehört während der Kriegszeit zu denen, denen es relativ gut geht. Trotzdem beschreibt sie die Welt in ihren Tagebüchern nicht, wie sie ihr gefällt, sondern wie sie sie erlebt, sie analysiert genau. Der Krieg und die Verbrechen sind präsent als Einschränkungen im Leben, aber auch als ständiger Vorwurf, den man auch an sich selbst stellen muss, warum man und das Land, in dem man lebt, nicht mehr dagegen tut. Astrid Lindgren erlebt die täglichen Einschränkungen durch den Krieg. Sie lebt zwischen der Angst, selbst in den Krieg verwickelt und womöglich von Russland besetzt zu werden und einer Neutralität, in der den deutschen Truppen der Durchmarsch durch Schweden erlaubt wird. Trotzdem wird in ihrem Alltagsleben gegen Kriegsende hin das persönliche Drama wichtiger werden als jede Nachricht von außen. Wenn nämlich ihr Mann droht, sie zu verlassen. Genau darin ist der Dokumentarfilm unglaublich aktuell und betrifft den Zusehenden direkt. Wie in einer Welt leben, in der Krieg eine Realität ist und in der das Leben dennoch davon weitgehend unberührt weitergeht? Und wie mit dem Verantwortungsgefühl jedes einzelnen umgehen, in unserer Welt, in der Kriege und despotische Machtfantasien sich stetig mehren, und dem Ohnmachtsgefühl, das eine solches Verantwortungsgefühl auslösen kann?
Hauke flicht Archivmaterialien aus der Weltkriegszeit, von Kriegsschauplätzen und den von Deutschland und Russland umkämpften Gebieten, ein, setzt sie zwischen die nachgestellten Passagen, Tagebuchauszüge und Gespräche mit Familienmitgliedern. Er zeigt auch die Wohnung Astrid Lindgrens heute, spricht mit der Enkel- und Urenkelgeneration der Schriftstellerin und möchte zeigen, wie Astrid Lindgrens Erbe weitergegeben und verwaltet wird. Er versucht so, ein breites Bild des Lebens von Astrid Lindgren zur damaligen Zeit zu zeichnen und gleichzeitig zu zeigen, wie sich ihr Bild in den Köpfen der Nachkommen durch die Lektüre der Kriegstagebücher gewandelt und erweitert hat. In der Gesamtheit wollte der Film hier vielleicht ein wenig zu viel. Was der Film aber jedenfalls zeigt und sagt: Wie Kinder behandelt werden, ist lebenswichtig, und welche Geschichten ihnen erzählt werden. Damit sie sich gegen andere auflehnen können und trotzdem als Erwachsene nicht zu Despoten werden. Ich kann allen nur ans Herz legen, sich den Film anzusehen und anschließend die Tagebücher zu lesen. Beide sind leider viel zu aktuell.