Exklusiv für Uncut
„Nenne mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, welcher so weit geirrt, nach der Zerstörung des heiligen Troja. (…) Viele Schmerzen erlitt er auf seinen Fahrten, kämpfend für seine Seele und die Heimkehr der Freunde.“ (Homers ‚Die Odyssee‘)
Es ist das größte Epos der abendländischen Literatur, (wahrscheinlich) geschrieben von Homer, beruhend auf Jahrhunderten mündlicher Überlieferung. Zwischen dem Fall Trojas um 1.200 v. Chr. und dem Verfassen der „Odyssee“ liegen circa fünf Jahrhunderte dunkler Historie. So fantasievoll die Mythologie ohnehin, so vage die Bruchstücke des Stoffs: Homer beschreibt eine Welt, die für ihn halb versunken war. Waffen, Rituale und Politik sind zusammengewürfelt aus mehreren Epochen. Die Odyssee ist deshalb weniger historischer Bericht als poetischer Resonanzraum. Genauso müssen wir die Filmadaption „Die Odyssee“ von Christopher Nolan lesen: als freies, lyrisches Werk über heldenlose Krieger, deren Traumata bis in die Gegenwart reichen. Und über Menschen, die ihr Seelenheil suchen.
Mit der Gesangsdichtung eines Rhapsoden beginnt das Filmepos. Travis Scott erzählt mit Sprecherstab von der Vergangenheit, setzt das Erbe der verbalen Weitergabe fort. Ohne Umschweife gelangen wir in den Palast auf Ithaka, wo Telemachos (Tom Holland) und Penelope (Anne Hathaway) sich gegen taktlose Freier durchsetzen müssen. Diese buhlen unter der Führung des Antinoos (Robert Pattinson) um die Hand von Odysseus‘ Frau. An Telemachos‘ Seite steht Eumaios (John Leguizamo), früherer Freund von Odysseus (Matt Damon), der seine Insel vor 20 Jahren gen Troja verlassen hat. Jetzt erzählt er seine Geschichte, während er durch Kalypsos‘ (Charlize Theron) Dünen watet. Veteranen für die Hauptfiguren und selbst in den kleinsten Rollen große Stars: u.a. Zendaya, Lupita, Mia Goth, Himesh Patel, Eliot Page – der hochkarätige Cast ist trotz der (unberechtigten) Vorabkritik über alle Zweifel erhaben.
Bekanntlich hat Nolan das schier Unmögliche geschafft: die gesamte Produktion wurde mit IMAX-Technologie gedreht. Dafür wurden leichtere und leisere Kameras entwickelt, um die herum es aber Baukästen zur Geräuschminderung und Spiegel für den Blick der Schauspielenden brauchte. Es ist ein technikaffines Kino. Zusammen mit den gewaltigen Kosten von 250 Mio. USD – übrigens Nolans höchstbudgetierter Film – sehen wir einen überwältigenden Film, der mit physischen Hands-on-Sets an Outdoor-Drehorten inklusive der riesigen Polyphem-Animatronik aufwartet, der sich aber nicht im Sensationseifer verliert.
Die Theatralik des antiken Theaters liegt nahe, wird aber umschifft. Es herrscht dialogische Demut, die einen Teil des geifernden Blockbuster-Publikums irritieren wird. Abgesehen von brachialen Actionsequenzen nimmt sich das Drehbuch Zeit für die wahre Odyssee, die nicht von der Irrfahrt, sondern vom Tiefgang ihrer Geschichte handelt. Zu dieser Bodenständigkeit passt die entsättigte Farbpalette der metallgrauen, feuerroten und meeresblauen IMAX-Bilder ebenso wie die akustische Begleitung. Der dreifache Oscar-Preisträger Ludwig Göransson („Sinners“ & „Oppenheimer“) setzt auf den bronzezeitlichen Klang von Lyra und Aulos, archaische Saiten- und Blasinstrumente. Anstelle orchestraler Klassik eher meditative Musik, die das Haptische dieses Werkes mit knarzenden Schiffsmasten und spritzender Gischt unterstreicht.
Odysseus muss sie also durchstehen, die Prüfungen auf seiner Heimkehr nach Ithaka. Über das Meer schippert er mit seiner Mannschaft, vom Hunger gebeutelt, von Furcht umnebelt, von Poseidon verflucht wegen des Überfalls auf dessen Zyklopen-Sohn Polyphem. Die Lästrygonen, riesige Menschengestalten, verführerische Sirenen, die Zauberin Circe, die hier in einer Body-Horror-Sequenz erscheint und brillant von Samantha Morton gespielt wird, bis hin zum Frevel an den Rindern des Helios. Besonders beeindruckend bebildert: das Dilemma zwischen Charybdis und Skylla. Dazwischen stürmische Kämpfe mit der Schiff-Takelage und Erkundungen schroffer, mediterraner Steininseln. Es ist nicht übertrieben: So liest sich auch Homers Epos und Nolan folgt ihm sorgfältig.
Dass dabei nicht jeder Charakter bis ins Kleinste ausbuchstabiert sein kann, liegt in der Natur der Sache. Dass Nolan schnitttechnisch wenig experimentiert oder die Polyphem-Anekdote ohne die linguistische List des „Niemand“ auskommen muss, sind kleine Mankos in einem Film, dessen kosmetische Kürzungen an anderen Stellen entweder elegant verwoben werden (Lotus) oder mit Mut zur Lücke entfallen (Aiolos‘ Schlauchwinde). Aufgrund des gewaltigen Stoffumfangs rast der Film bisweilen durch das mythische Griechenland, die 173 Minuten sind aber kein Thema. Auf Einblendungen, Orientierungen oder Schrifttafeln wird verzichtet – eine gute Vorbereitung zahlt sich aus, um dieses Kino zu genießen. Das mag konturlos erscheinen, die Irrfahrten machen aber gerade einmal 4 von 24 Kapiteln im Urstoff aus.
Nolan hat die Quelle präzise studiert und hält sich fast pedantisch an Struktur und Ablauf des homerischen Antiktextes. Dazu gehören zwar nicht die Originalverse, deren Änderung in modernes Englisch kontrovers bewertet wird. Dazu gehört aber die passende Gewichtung der roten Fäden zwischen der unbehaglichen Ithaka-Situation, den Troja-Kriegsfetzen, den Rückblenden auf Vergangenes und der bedrohlichen Irrfahrt. Nolan hat die nahezu perfekte Literaturadaption geschaffen. Und er vervollständigt sein Werk, indem er die Kardinalthemen des Menschseins abarbeitet, die das knapp 3.000 Jahre alte Epos bestimmen: Erinnerungen, Sterblichkeit und Harmonie im Zeitalter des Chaos.
Hans Blumenberg beschreibt den Schiffbruch als Urbild menschlicher Existenz. Der Mensch verliert Halt, Ordnung und Gewissheit. Genau das widerfährt Odysseus. Seine Irrfahrt ist weniger geografische Bewegung als Sturz aus der Vertrautheit der Welt. Das Trauma beginnt mit der Ver-Nichtung, mit der Auslöschung des Seins. Odysseus‘ Gefährten: umgebracht, aus einer Schiffsflotte wird Vereinzelung. Odysseus‘ Gedanken an die Heimat: verschwunden im Sumpf der Lotusfrüchte, die seine Erinnerung trüben. Odysseus‘ Heldenmut: in Troja den blutenden Opfern gewichen. An dieser Stelle ist „Die Odyssee“ ein Kommentar zur gegenwärtigen Aufrüstung und zu Nachkriegstraumata. Wer ist schuld, Götter oder Menschen? Nolan beantwortet die Frage deutlich, indem er mit beklemmender Wucht die Brutalität der griechischen Hybris korrekt porträtiert.
Odysseus‘ Existenz steht vor dem Abgrund – und Nolan zeigt uns die Hoffnungslosigkeit in weiter Landschaft, leerem Blick, ausgelaugtem Leib und dem Massengrab der schattenhaften Hades-Unterwelt. Odysseus erfährt grundexistentielle Phänomene wie Angst und Schuld, das Trojanische Pferd lastet auf ihm, er steht vor dem Nichts. Bei Kalypso ist nichts mehr übrig von seiner Identität und seiner Herkunft. Aus dem einst strahlenden, listenreichen König wird ein von den Schrecken des Krieges zerfressener Antiheld. Erst durch das Sprechen und Erinnern entfaltet sich neues Bewusstsein, neue Klarheit über das Ziel seiner Reise: Ithaka.
Fazit: Christopher Nolan ist der Kino-Architekt, der sich der komplexen Konstruktion des antiken Quelltextes unterwirft. Getragen von der Präsenz des Odysseus, lebt sein Filmepos von Rückblenden, Visionen und multiplen Figuren- und Ortswechseln. Dabei hilft ihm das dichte Ensemble, aus der mit S. Morton, H. Patel und J. Leguizamo unerwartete Namen herausstechen. Es ist Nolans reifstes Werk: keine maskierten Milliardäre, interstellare Astronomen oder Manhattan-Physiker. Sondern arme Bettler, vom Krieg Zurückgelassene, körperlich Deformierte, geistig Ver(w)irrte: Die blanke Existenz des Menschseins. „Die Odyssee“ ist zeitgenössischer Antikriegsstoff und literarisches Kino nah an der Perfektion. Am Ende wird Ithaka zur Metapher einer Identität, die sich Odysseus nach Krieg, Verlust und Schuld mühsam zurückholt. Darin liegt die unvergängliche Größe von Homers Epos – und die außergewöhnliche Leistung von Nolans Verfilmung.