Szenenbild aus Obsession - Du sollst mich lieben Fotos: Universal Pictures International
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    Was Männer wollen

    Exklusiv für Uncut
    Baron (von seinen Freunden „Bear“ genannt und gespielt von Michael Johnston) lebt ein einsames Leben. Sein Freundeskreis beschränkt sich auf seine Arbeitskolleg:innen, seine Oma ist vor Kurzem gestorben (und obendrein seine Katze Sandy) und er hat das Gefühl, von niemandem wirklich wahrgenommen zu werden. Von niemandem? Nicht ganz, denn da gibt es Nikki (Inde Navarette). Sie ist in Bears Augen perfekt: hübsch, aufmerksam und einfühlsam, sie lacht viel und bringt andere zum Lachen – eine magnetische Persönlichkeit. Nach einem abermals vergeblichen Versuch, Nikki seine Gefühle zu offenbaren, verwendet Bear einen mysteriösen „One Wish Willow“ und wünscht sich, sein Schwarm würde ihn über alles auf der Welt lieben, woraufhin dieser Wunsch in Erfüllung geht. Und wie.

    Be careful what you…

    Bear kann es im ersten Moment selbst nicht wahrhaben, aber Nikki, die ihn stets als einen Bruder betrachtete, will plötzlich nicht mehr von seiner Seite weichen. Die Zweifel an dieser kuriosen unerwarteten Situation werden schnell von Glücksgefühlen verdrängt. Endlich werden seine Fantasien zur Realität und er kann sein einsames Leben hinter sich lassen. Doch Nikkis Verhalten kommt dem Rest der Freundesgruppe seltsam vor, und das Gerücht macht sich breit, Bear würde sie womöglich ausnutze.

    Die Freunde beginnen daraufhin, sich zu distanzieren und so gerät Bear in eine isolierten Situation mit einer Nikki, die ihm immer unheimlicher wird – mit Panzertape verschlossene Türen, damit er nicht von ihr weggehen kann, gruslige nächtliche Verhaltensweisen und die Verfütterung seiner toten Katze (als Zeichen der Liebe?) sind die neue Normalität. Zwischendurch blitzt die echte Nikki mit schmerzvollen Hilferufen durch die aufgezwungene Wunschmaske hindurch und Bears Entscheidung, darüber hinwegzusehen, ist bezeichnend für seinen Charakter.

    Sei einfach Nikki

    Es dauert nicht lange, bis dem Publikum klar wird, dass nicht Bear das Opfer der Geschichte ist, sondern der Täter. Es ist ein großartiges Kunststück von Regisseur und Autor Curry Barker (bekannt geworden durch YouTube-Sketch-Comedy), die Geschichte aus der Perspektive des schüchternen jungen Mannes zu erzählen, dem wir zu Beginn des Films keinesfalls seine Taten zutrauen würden. Aber: Gelegenheit macht Diebe – und Bear nimmt Nikki ihre Persönlichkeit, um sie mit einer willenslosen Version ihrer selbst zu ersetzen. Und wenn diese Version nicht seinen Vorstellungen entspricht, bittet er sie „einfach Nikki zu sein“ – was auch immer das für ihn bedeutet. Nach „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ ist „Obsession“ der zweite Film in diesem Jahr, in dem Männer nicht mit dem Abweichen von der Idealvorstellung ihrer jeweiligen Partnerinnen zurechtkommen – wenngleich wir es hier mit einem etwas extremeren Fall zu tun haben.

    Das Erstlingswerk von Curry Barker beinhaltet einige schaurige Momente, Jump-Scares und sehr brutale grafische Szenen, die manchmal gar nicht mehr aufhören. Horror-Fans werden also gut bedient, wenngleich der wahre Horror die Geschwindigkeit ist, mit der der unschuldige Hauptcharakter in ein kontrollierendes Verhalten rutscht und sich dafür Rechtfertigungen einfallen lässt. Bears Verhalten lässt tief in die männliche Psychologie blicken, in der einsame Männer Frauen entmenschlichen, sie zu Objekten ihrer Begierde oder Projektionsflächen einer Idealvorstellung degradieren, anstatt sie als eigenständige Menschen wahrzunehmen – ein Trend, der in den letzten Jahren besonders in den sozialen Medien beobachtbar ist. Gleichzeitig ist sein Charakter am Anfang so nahbar – nach der offensichtlichen Frage „Was würde ich mir wünschen?“ lautet die nächste also „Wäre ich zu so einem Verhalten fähig?“

    Curry Barker liefert ein beeindruckendes Regiedebüt ab, das am Ende des Jahres (womöglich sogar des Jahrzehnts) auf zahlreichen Bestenlisten zu finden sein wird. Alle Elemente – vom Schauspiel bis zum Setdesign – ergeben einen ausgezeichneten Horrorfilm, der einerseits dem Hype gerecht wird und außerdem viel Diskussionsstoff für eine thematische Auseinandersetzung bietet. Ich bin obsessed!
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    (Martin Dadak)
    16.06.2026
    17:24 Uhr