Exklusiv für Uncut
Der schnauzbärtige Latzhosenklempner Super Mario, seit 1981 fest verankert im kollektiven Bildgedächtnis, kehrt auf die Leinwand zurück – rein aus der Logik eines gigantischen Erfolgs heraus. Der Triumph von „Der Super Mario Bros. Film“ mit 1,36 Mrd. USD Einspielergebnis aus dem Jahr 2023 hat die Fortsetzung nicht begünstigt, sondern wirtschaftlich heraufbeschworen. So steht auch „Der Super Mario Galaxy Film“ ganz im Schatten jener Verwertungsmaschine, die aus der meistverkauften Videospielfigur eine familienfreundliche Kinounterhaltung machen will, dabei aber kläglich scheitert.
So schmal wie die Nintendo-Gameboys im Laufe der Jahre wurden, so dünn ist auch die Handlung dieses Films. Bowser Jr. entführt Prinzessin Rosalina, um eine gewaltige Kanone in Gang zu setzen und damit das Universum zu zerstören. Warum? Spielt keine Rolle. Mario und Luigi finden Yoshi und versuchen gemeinsam mit Prinzessin Peach und dem Pilzkopf Toad, die Eskalation zu verhindern. Dabei rauschen sie chaotisch durch multiple Welten: ein Wiesenplanet mit Bienenkönigin, mehrere Schlösser, diverse Raumschiff-Galaxie-Settings. Alles bekannt aus den Spielen „Super Mario Bros. 2“, „Super Mario Odyssey“ und dem titelgebenden „Super Mario Galaxy“. Abgesehen von der visuellen Konfusion ist das Worldbuilding durchaus gelungen und detailreich. Das Regie-Duo Aaron Horvath und Michael Jelenic, spielt gekonnt mit kreativen Perspektiven, insbesondere die Casino-Welt weiß zu überzeugen. Ja, Fans werden bedient und dürfen ihre Videospiellandschaften wiedererkennen. Für einen Film reicht diese Aneinanderreihung orientierungsloser Kapitel im Stil von Game-Levels jedoch nicht. Leider nimmt sich das Geschehen keine Zeit für ruhige Entfaltung, der Rhythmus ist unterirdisch. Als würde ein Duracell-Hase in kurzer Zeit alle (!) Mario-Spiele durchspielen wollen.
In diesem Tempo fallen gleichsam die Figuren vom Videospielbrett. Hier herrscht ein radikaler Overkill an Geschöpfen. Nicht einmal Mario oder Luigi erhalten Profil oder irgendeine erkennbare Eigenheit. In Sekundenbruchteilen wechseln Motive und Gefühle. Das Drehbuch ist ein dilettantisches Dilemma. Zwischendurch ersticken drei Hintergrundgeschichten im Keim. Und nicht einmal die einzige sinnvolle Chance wird ergriffen, die Geschichte in eine Läuterung des Bösen zu verwandeln; stattdessen verpufft Bowsers Vaterreflexion in einem knochigen Endkampfhagel. Und nein, natürlich hat niemand ein tiefgründiges Drama erwartet, aber doch zumindest einen kohärenten, interessanten Kinofilm für Jung und Alt. Hier hingegen: Subplots ohne Ende und beinahe jeder Faden wirkt geklaut. Schwestern, die sich finden müssen, um den Gegner zu besiegen: „Frozen“. Der coole Raumschiffpilot: Han Solo. Der superlangsame Amtsangestellte: Faultier-Flash aus „Zoomania“. Charme, Herz oder Seele sucht man vergeblich – und findet stattdessen eine neue Form der kulturindustriellen Selbstverwertung. Früher war Nintendo immerhin noch mit einer gehörigen Portion Humor verbunden. Davon bleibt hier nur die Oberfläche.
Natürlich gibt es eine spezifische Zielgruppe. Bis auf den Nostalgiefaktor steuert Mario zielgerichtet auf leuchtende Kinderaugen zu. Das Problem: Wenn erst nach 70 von 90 Minuten zum ersten Mal ein gewisser Frohmut aufkommt, ist über diesen Film bereits viel gesagt. Selten klang ein Kinosaal bei einem Kinderfilm so leer, so gequält, so gelangweilt. Selten hingen die Mundwinkel so lang nach unten. Selbst die inflationär eingesetzten knuffig-putzigen Babytier- und Baby-Mario-Niedlichkeiten können das Elend nur noch bedingt retten. Die Plüsch- und Spielzeugabteilungen der Nintendo-Produktmaschinerie reiben sich bereits die Hände – obwohl den Figuren jeder Witz abhandenkommt. Beispiele gefällig? Ein Mini-Bowser versucht vor Mario wegzulaufen, Yoshi bläst sich auf wie ein Luftballon, mehrfach bekommt irgendjemand einen Ball in den Mund, und das Lowlight: Baby-Mario klettert versehentlich ins Maul eines T-Rex und kommt aus dem Nasenloch wieder heraus. Danke, da gehen wir doch lieber zum Lachen in den Keller.
Hier finden sich keinerlei pädagogische Impulse – und gerade darin liegt ein Problem. Kunst braucht nicht belehrend zu sein, aber sie sollte etwas eröffnen: Moral, Identifikation, emotionale Zugänge, die unsere Welt ein wenig reicher machen. Dafür gibt es genug Positivbeispiele animierter Kinderfilme, die genau das schaffen: „Toy Story“, „Paddington“ oder die Spider-Verse-Kunstwerke um Miles Morales. Das hier hingegen ist sinnlos brutal, aggressiv und gewalttätig, ein Rush aus Action-Attacken, ohne die Handlung voranzubringen.
Fazit: Ist das die neue Ära der höchsterfolgreichen Videospielverfilmungen? „Super Mario“ und „Minecraft“ — cineastisch belanglos, ideologisch schwierig, aber absolute Kassenschlager. Man darf durchaus kulturpessimistisch werden, wenn diese unrhythmischen und unlustigen Copy-Paste-Formeln das neue Niveau markieren sollen. „Der Super Mario Galaxy Film“ ist ein zweckdienliches Kinoprodukt, dessen Existenzberechtigung allein aus Kapitalmaximierung zu bestehen scheint. Merchandising-Niedlichkeiten, Werbefiguren und das schlaffe Ausruhen auf dem Erfolg des Vorgängers. Anti-Kino par excellence und ein sicherer Kandidat in den Flop-10-Listen zum Jahresende.