Exklusiv für Uncut
Gleich zu Beginn wischt eine Einblendung die brennende Frage beiseite: Ja, Hamnet ist Hamlet. Namensgleich, gespiegelt im Schatten der Geschichte: der verlorene Sohn, der dänische Prinz aus Shakespeares Tragödie. Damit stößt uns das prämierte Drama „Hamnet“ ins historische Mittelengland am Rand der Neuzeit, als einer der einflussreichsten Autoren der Weltliteratur mit den Fragen des Lebens konfrontiert ist. Wer hier das Porträt einer gekränkten Künstlerseele oder ein generisches Kostümepos erwartet, verkennt die Radikalität dieses Films. Denn „Hamnet“ umkreist nicht William, sondern seine Frau Agnes, ist lebendige Zeitgeschichte, zwischen Mystik und Materialität; zwischen archaischer Angst und existenzieller Fragilität.
In Stratford-upon-Avon, um 1580, begegnet der junge William der naturliebenden Agnes. Ihre Verbindung beginnt im Widerstand der ablehnenden Familien. Williams Vater drängt ihn ins Handwerk, verhöhnt seine Lateinkenntnisse als nutzlos. Von Agnes wiederum wird berichtet, sie wäre die Tochter einer Waldhexe. Er verliebt sich in ihre Erdverbundenheit, sie in seine lyrisch-weiche Art. Sie heiraten, bekommen Kinder, gestalten den Lebensunterhalt, William zerfällt in Melancholie. Agnes schickt ihn schließlich nach London, wo er seine gefeierten Meisterwerke schreibt – aber er fehlt, als der größte Schicksalsschlag die junge Familie trifft. Abwesenheit wird zur stillen Urform der Tragödie. Verlust zum neuralgischen Punkt einer Beziehung.
„Hamnet“ kratzt nicht an der Oberfläche, er reißt sie auf. Vor allem durch Jessie Buckley, die Agnes mit einer selten im Kino sichtbaren körperlichen und geistigen Präsenz spielt, und durch die Regisseurin Chloé Zhao. Ihr Aufstieg begann 2020 mit dem vielfach ausgezeichneten Peripheriedrama „Nomadland“, bevor es sie kurz in die engen Bahnen des dürftigen Marvel-Universums verschlug („Eternals“). Ein Umweg, der rückblickend wie eine Irrfahrt wirkt. Glücklicherweise ist die in Kalifornien lebende und in China zensierte Regisseurin zurück in künstlerischer Freiheit. Gemeinsam mit Maggie O’Farrell, Autorin des gleichnamigen, wohlgemerkt fiktionalen Romans, schrieb sie auch das Drehbuch. „Hamnet“ ist keine Biografie, sondern eine erfundene Wahrheit mit realen Namen.
Realismus ist dabei nicht nur Zhaos Stil, sondern eine Haltung. Sie erzählt in ihrer unnachahmlichen Art vom Leben und Leiden der Figuren mit einer irrsinnigen Intimität, die kaum Distanz zulässt. Die Kamera von Łukasz Żal („The Zone of Interest“) rückt den Gesichtern von William und Agnes so nah, dass jede Regung zur Landschaft wird. Parallel bricht die allgegenwärtige Natur diese Enge: Wälder, Felder, Wind und Regen – eine immersive Poesie, die dem Film seine Atem- und Geburtsräume schenkt.
Schonungslos authentisch sind die Entbindungen der drei Kinder Susanna, Judith und Hamnet: anfangs im verwurzelten Wald in mystischer Verbindung zur Natur, später in den knarzenden Räumen des Wohnhauses. Blut, Schweiß, Schreie in einer Welt vor über 400 Jahren, roh und unhygienisch. Für diese emotionale Textur suchten Buckley und Zhao gemeinsam Tiefe – Meditationen, Gespräche, Arbeiten am Innersten. Bis tief in die Haut graben sich die Szenen; mitunter fehlen dem schweren Film dezente Leichtigkeit und erzählerische Stringenz, wenn die ersten Biografie-Stationen zu viel Zeit beanspruchen. Doch Max Richters chorale Musik und insbesondere „On the Nature of Daylight“ treffen den Ton mit semantischer Präzision und entfalten – genauso wie in „Arrival“ (2016) – eine kathartisch-körperliche Wirkung für das Kinopublikum.
Zhao selbst sagt: „Seine Frau Agnes faszinierte mich von der ersten Seite an. Ihr Verhältnis zum Unsichtbaren, zu ihren Ahninnen, zum Wald und zur Natur – das war der Ort, an den ich mich als Filmemacherin begeben wollte.“ Agnes steht mit Haut und Haar im Zentrum. „Hamnet“ ist eine Stimme für eine lange ignorierte Frauenfigur, ein Raum für ihre Mutterschaft und ihre Veränderung, in die sie sehenden Auges hineingeht. Damit reiht sich der Film in das gegenwärtig häufig verhandelte Thema der Mutterschaft ein, doch umweht ihn eine mystische Transzendenz, die nie ins Esoterische kippt. Das Unsichtbare bleibt fühlbar, nicht erklärbar. Wenn die zarte Knospe der jungen Liebe später auf die Probe gestellt wird, drängen sich Analogien zur Gegenwart auf: Familien am Rand der Überlastung, unsichtbare Pflegearbeit auf den Schultern der Frauen, abwesende Väter, die ihre Versäumnisse mit materiellem Wohlstand zu tilgen versuchen. Zhao erzählt davon ohne erhobenen Zeigefinger, mit einer Weichheit, die wohl niemand so eindringlich verkörpern könnte wie Paul Mescal. Und wenn sich am Ende Hamlets Theatertragödie mit Hamnets Schicksal filmisch verbindet, werden wir Zeuge von Trost und Linderung durch die Kunst.
Fazit: „Hamnet“ atmet, pulsiert, dringt unter die Haut, ist nicht leicht zu verdauen, doch künstlerisch von einer Wucht, die dem Werk William Shakespeares ebenbürtig erscheint. In Erinnerung bleiben nicht nur radikalrealistische Momente der Existenz: Urängste, Grundgefühle, Leibveränderungen, die Verarbeitung jener emotionalen Ohrfeigen, die das Leben verteilt. Auch das gefühlvolle Schauspielkino wirkt nachhaltig: Emily Watson beeindruckt in der unscheinbaren Nebenrolle als Williams Mutter; Paul Mescal und vor allem Jessie Buckley tragen den Film mit brillanter Sensibilität. Chloé Zhaos Poesiestück „Hamnet“ glaubt an die heilende Kraft der Kunst – jedoch nie in Abgrenzung zur Natur, sondern in leiser, organischer Verschränkung mit ihr.