Exklusiv für Uncut vom This Human World Filmfestival
„Der WSC ist mehr als Fußball – er ist ein Ort gelebter Vielfalt und radikaler Inklusion“, sagen die Regisseure Gerald Baumann und Matteo Molina. Der WSC? Der Wiener Sport-Club! Fernab touristischer Hotspots im 17. Wiener Gemeindebezirk liegt die Heimat des 1883 gegründeten Kultclubs. Hier ist alles ein wenig anders: Zwischen Hernalser Friedhof und Hauptstraße, zwischen morbidem Witz und sozialer Offenheit findet sich resistente Gegenwehr in dieser nach rechts rückenden, intoleranten und durchkapitalisierten Welt. Das Dokumentarwerk „Ein Wiener Sport Club“ porträtiert, erzählt und studiert das Sozialgefüge eines Vereins, der mehr ist als sein Aushängeschild Männerfußball.
Dank der Kurzdoku „Besetzt – Lobau Bleibt“ trat das Regie-Duo Baumann/Molina bereits 2022 mit politischem Kino in Erscheinung. Auch dort das Setting: Wien. Eine gehörige Portion Lokalkolorit begleitet genauso die sportlichen Protagonist:innen ihres neuen Filmes. Wien als Auffangbecken heterogener Sozialisierungen. Menschen, alle gleich, alle verschieden, pluralistisch in Herkunft, Geschlecht und Identität. Essayistisch und in entsättigten Farben nähern sich die Filmemacher den Vereinsakteuren, deren sportlicher Erfolg genauso unbeständig ist wie der Flügelschlag der Fledermäuse über der Stadiontribüne.
Da wären der blinde Stadionsprecher und der schwimmende Präsident, der ein europaweites Turnier im Kongressbad gewinnt. Die bosnische Kapitänin des Frauenteams, das kurz vor dem Abstieg steht und strukturelle Ungerechtigkeiten des Frauenfußballs unterstreicht. Die junge, erfolggekrönte Fechterin, die politische Haltung auf internationaler Bühne im konservativen Fechtsport verkörpert. Außerdem die Fanperspektive, transportiert über eine Wiener Künstlerin, die restriktiver Gendernorm und reaktionärem Patriarchat den Kampf ansagt. Zusammen ergeben sie das breite Soziogramm dieses Sportvereins, der seine Botschaft als antifaschistischer, antihomophober und antisexistischer Leuchtturm in die Wiener Welt ausstrahlt. Die Schärfe der Gesellschaftskritik hätte das Regie-Duo aber auch dezent nach innen richten können, fallweise gerät der Zuspruch zu glatt-romantisiert.
Doch es ist nicht nur die Vielfalt, in der Filmform und Botschaft verschmelzen. Unaufgeregt blättert die kurzweilige Milieustudie die letzten Seiten auf – im Tagebuch eines Ortes. Ein Ort, seit 1904 materielle Signatur des Wiener Schmelztiegels: das Stadion des WSC samt Friedhofstribüne, die in der archaischen Form abgerissen und neu gebaut wird/wurde. Hier liegt das Vermächtnis dieser lebendigen Erinnerung, der Doku „Ein Wiener Sport Club“. Die letzten Bewegtbilder der letzten Spiele voller Tradition und Nostalgie. Sport ist nur ein Vehikel, tatsächlich geht es um Menschen und deren Sinnsuche, um Menschenrechte in einer liberalen Demokratie. Auch beim Wiener Sport-Club. Nach außen – und nach innen.
„Ein Wiener Sport Club“ läuft im Programm des „this human world“-Festivals in der Rubrik „MOVE TO CONNECT“.