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    Das Ende vom Influencer-Märchen

    Exklusiv für Uncut
    Influencer können sich bis zum heutigen Tag genüsslich auf der Situation ausruhen, dass die Forschung noch relativ wenig über die Psychologie jener Individuen versteht. Zwar gibt es schon diverse Studien über das Leben von Influencern und psychologischen Faktoren wie erhöhte Depressions-, Burnout- und Stressanfälligkeit, die jedoch stets im Schatten vom Motiv der verabsolutierten Selbstbestimmung verweilen. Als offensichtlich könnte man das nun bezeichnen, so wie auch die Herangehensweise von Joscha Bongard (Pornfluencer) offensichtlich ist. In seinem neuesten Film „Babystar“, der sich irgendwo zwischen den Genres Familiendrama und Dokumentarfilm verortet, tritt er zynisch an das Thema heran und zeichnet ein dunkleres Bild. Offensichtlich ist das Leben von Influencern viel mehr Horrortrip, durchdrungen von Aufmerksamkeitswahn, Stressherden, problematischen Virtue Signaling, Mikroaggressionen, Bullshit (Begriff nach Philipp Hübl) – schlichtweg hübscher Fassaden und tiefer Abgründe.

    Aus den Bildern von Instagram – die wir alle im Kopf haben – entsteht nun eine abendfüllende Narrative; aus der medial vorgelebten Überzeugungsarbeit, dies sei ein erstrebenswertes Leben, die Zurschaustellung eines aufgetischten Märchens. Die junge Luca (Maja Bons) ist hierbei 16 Jahre alt und rundet das Family-Social-Media-Business ihrer Eltern perfekt ab. Seit ihrer Geburt wird ihr Leben instagrammisiert, wodurch sie es nicht anders kennt – und doch beschleicht sie immer wieder das Gefühl, dass das kein „echtes“, andere würden sagen „pädagogisches“ oder „artgerechtes“, Leben ist. „Lächel doch mal“ wird ihr gesagt und sie kommt der Aufforderung nach – doch das Overacten wird Mittel zum Zweck. In diesem Moment braucht man wohl kein abgeschlossenes Studium, um zu erkennen, dass dies ein künstliches Lächeln ist. Die Psychologie ist dem Influencerleben also scheinbar doch punktuell einen Schritt voraus, wenn sie ein falsches von einem authentischen Lächeln unterscheiden kann – und noch viel mehr.

    Was Influencer tun, wird damit auf die Goldwaage gelegt. Gourmetrestaurants aufsuchen – nur um im Anschluss doch noch einmal beim McDonald’s zu halten, weil man nicht satt geworden ist. Produkte bewerben – weil sie das Rückgrat dieses kapitalistischen Systems darstellen. Meditation betreiben – nicht aber, weil man alle Zeit der Welt dazu hat, sondern es machen muss. Lernen, wie man medial am Ball bleiben kann, da Aufmerksamkeitsverlust gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit ist – regelt doch der Markt das Angebot und die Nachfrage. Generell durchzieht das Motiv des Lernens den gesamten Film. Beispielsweise dann, wenn die Frage aufkommt, ob die Eltern nicht das Falsche gelernt haben: Introspektion (die Beobachtung des eigenen Denkens und Fühlens) als auch die Pädagogik (die Lehre vom Erziehen – die sich am Rande erwähnt auf alle Altersgruppen bezieht und nicht nur auf Kinder) müssen dabei Platz machen für andere Wissensinhalte. Vielmehr stehen die Fragen des Kapitalismus im Raum: Welche Beleuchtung, Filter oder nun auch noch KI nutzen wir, um die meisten Klicks zu erreichen? Bongards Portraitierung des Menschenbilds ist damit ebenfalls offensichtlich: Es ist ein Weltbild, das den Menschen als wortwörtlich leeres Gefäß begreift – und das auch nicht danach strebt, gefüllt zu werden. Warum dies auf Instagram dennoch zelebriert wird, bleibt ein Rätsel, dem man jedoch mit den Worten des Dozenten, Leadership-Coachs und Unternehmers Conor Neill näherkommen kann. Er betont „Das Leben belohnt nicht Intelligenz, sondern Aktionen“ – womit die Welt von Social-Media – eine Spielwiese des Ausprobierens – auf den Punkt gebracht werden kann, ist es schließlich auch nicht auf Intelligenz aufgebaut. Keine Videos über Aufklärung und Wissensvermittlung finden sich hier – und wenn doch, dann nur in kleinem Maße.

    Dass dies dem einen oder anderen stinkt, ist nicht verwunderlich, sagt auch die junge Luca im Film an einer Stelle: „Ich will Fakten“. In diesen seltenen Szenen scheint ein Menschenbild durch, welches im Begriff ist, aufzuwachen – oder um es noch eklatanter auszudrücken, welches keine Lust mehr auf die blaue Pille hat. Zur Erinnerungsauffrischung das passende Zitat aus dem Film Matrix: „Schluckst Du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in Deinem Bett auf und glaubst an das, was Du glauben willst. Schluckst Du die rote Kapsel, bleibst Du im Wunderland und ich führe Dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus. Bedenke, alles was ich Dir anbiete, ist die Wahrheit, nicht mehr“. Auch wenn die Symbolik vom Wunderland beim Beispiel von Instagram eher zur roten Pille passen würde, ändert das nichts daran, dass auch Luca vor eben jene Wahl gestellt wird. So zeigt sich „Babystar“ gleichermaßen als Abrechnung mit diesem System als auch idealistisches Dokument über die Philosophie und Psychologie des Menschen.

    Vermutlich kommt die Produktion nun zum genau richtigen Zeitpunkt, da vor wenigen Wochen die erste Live-Stream-Geburt auf Twitch stattfand – und es auf der anderen Seite immer mehr Gegenwind gibt. Videos von Space Frogs (Warum Family Influencer verboten sein sollten), Alicia Joe (Wie Familyblogger die Sicherheit ihrer Kinder gefährden) oder MrWissen2go (Wie Influencer ihre Kinder bloßstellen) sind nur drei Beispiele unter diversen, die nicht nur einen moralischen, sondern auch anthropologischen Diskurs über die Natur des Menschen aufleben lassen.

    Dass „Babystar“ nicht nur Dokumentar-, sondern auch in gewissen Teilen Horrorfilm ist, zeigt sich an den Ängsten, die konstant im Mittelpunkt der Narrative stehen. „Ich habe Angst davor, nichts Besonderes zu sein“ heißt es da beispielsweise, abgerundet durch Formen der Dissoziation sowie leere und stets suchende Augen – nach Bestätigung, oder einfach nur einer Person, die einem sagt, dass man nicht alleine ist. Jene Erkenntnisse erinnern dabei auch an so genannte „Why I Quit Social Media“-Videos, in denen junge Menschen sich von der digitalen Welt abwenden. Gelungen führt Babystar all diese unterschiedlichen Ansatzpunkte zusammen und kristallisiert eine im Kern kriegerische Tendenz heraus, die an George W. Bushs „You are either with us or against us“-Logik erinnert. Entweder man ist auf der Seite von Influencer und spielt das Spiel auf Social-Media mit – oder man entscheidet sich Teil des Gegenstands zu sein. Jedoch: Nicht die Entscheidung an sich, bildet hier den roten Faden, sondern das, was sie auslöst.

    Da die psychologischen Folgen in Influencer-Familien noch nicht absehbar sind, schließt „Babystar“ mit einer Frage, die in weiter Zukunft erst aufkommen wird. Ist das alles nur ein vorübergehender Trend, der eh bald vom nächsten Hype abgelöst wird? Oder behalten doch die kritischen Stimmen Recht, die warnen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Nachwuchs der Instagram-Familien gegen ihre Eltern vorgeht? Keine eindeutige Antwort wird man am Ende bekommen und das ist auch gut so – denn so ist genug Raum für viele weiterführende Gedanken. Um mit den Worten von Philipp Hübl zu schließen, lässt sich auch hier die sogenannte Entropie der Lüge finden, die wie folgt beschrieben wird: Unordnung entsteht leicht – ihre Beseitigung hingegen erfordert Aufwand. Auf die Influencer-Welt übertragen heißt das: Während fragwürdiger Content schnell entsteht, braucht es deutlich mehr Zeit und Ressourcen, um die Wahrheit hinter der Fassade sichtbar zu machen. „Babystar“ ist damit ein gelungener kritischer Beitrag über Social-Media als auch die Zukunft schöner Fassaden und menschlicher Abgründe.
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    (Michael Gasch)
    19.11.2025
    22:09 Uhr