Exklusiv für Uncut
Seit dem Erfolg von Rian Johnsons „Knives Out“ (2019) erlebt das klassische Whodunit-Kino seine Wiederauferstehung. Nun kommt ein eigenwilliger, erstaunlich sehenswerter Schafskrimi, der das Genre nicht nur wiederkäut. Inhaltlich beginnt’s beinahe pastoral: der betuliche Schäfer George lebt zurückgezogen am Rand seiner Weide. Selten geht er ins benachbarte Dorf, meist verbringt er die Zeit mit seinen menschelnden Schafen, denen er Namen gegeben hat und jeden Abend Krimis vorliest. Doch er ahnt nicht, dass seine Belletristik-interessierten Tiere aufmerksam lauschen, diskutieren und sich Mordfälle merken. Zumindest für kurze Zeit. Denn sobald etwas Traumatisches geschieht, löschen die Schafe ihre Erinnerungen wie eine überforderte Festplatte. Als George tot aufgefunden wird, beginnt die Herde selbst zu ermitteln.
Von der deutschen Autorin Leonie Swann stammt die Vorlage dieses originellen Stoffes; der gleichnamige Debütroman bevölkerte 2005 monatelang die Bestsellerlisten. Hinter der Kamera steht Kyle Balda, geprägt von der Animationsschule bei Pixar und Illumination, während das Drehbuch von Craig Mazin stammt, der nach den lärmenden „Scary Movie“-Albernheiten als Showrunner der preisgekrönten Serie „Chernobyl“ zur ernsten Größe avancierte. Dazu kommen die Gesichter von Hugh Jackman und Emma Thompson sowie die Stimmen von Bryan Cranston, Regina Hall oder Patrick Stewart. Selbst der MGM-Löwe darf hier nicht brüllen, sondern blöken. Es ist also alles angerichtet: Beliebtheit und Erfolge bei Buchvorlage, bei Autorenschaft und Besetzung – und trotzdem muss das Publikum über einen Punkt hinwegkommen, um den ländlichen Film genießen zu können.
Der entscheidende Einwand liegt früh auf dem Tisch: Man muss akzeptieren, dass digitale Schafe sprechen. Wer diese Hürde überspringt, kann sich von diesem berührenden Film wie von einer wärmenden Decke aus Schafswolle umarmen lassen. „Glennkill“ folgt zunächst brav der vertrauten Krimi-Mechanik. Zunächst werden verdächtige Dorfgestalten vorgestellt: ein unbeholfener Lokaljournalist, ein rätselhafter Pfarrer, ein bedrohlicher Metzger, ein duckmäuserischer Dorfpolizist. Später treten Georges Tochter und seine Anwältin hinzu. Seine Versatzstücke versteckt der Film nicht einmal. Alles bekannt aus Agatha-Christie-Fernsehkrimis, dazu ein bisschen „König der Löwen“-Spiritualität und die tierische Sprachwelt von „Ein Schweinchen namens Babe.“ Doch der Mordfall selbst ist nur Träger für etwas anderes: Geschichten über ausgestoßene Winterlämmer, über Gemeinschaft, Verlust und Trost. Dazu kommen Slapstick-Momente tapsiger Schafe und herrlich absurde Wortspiele, weil menschliche Begriffe in tierischen Köpfen seltsame Formen annehmen. Erstaunlicherweise kippt das nie in kalkulierte Tearjerking-Rührseligkeit. Die Emotionen wirken ehrlich, fast zärtlich beobachtet.
Gerade dort, wo der Film seine kindliche Oberfläche öffnet, beginnt der philosophische Kern. Mit viel Gespür fürs Gefühl muss sich die Herde eingestehen, dass Erinnerungen wehtun, dass Schmerz zum Leben gehört. Die Schafe müssen die Gewohnheit des Vergessens hinter sich lassen: „Erinnerungen tun weh, aber sie halten die Liebsten am Leben“ heißt es an einer Stelle. Der Film formuliert daraus beinahe unbemerkt eine kleine Erkenntnistheorie: Erst die Bereitschaft hinzusehen, Fragen zu stellen und das Verdrängte freizulegen, ermöglicht Wahrheit. In diesem Sinne handeln die Tiere fast platonisch. Wie in der Mäeutik, der Hebammenkunst Platons, entsteht Erkenntnis nicht durch Belehrung, sondern durch beharrliches Fragen. Die Herde verlässt ihre geistige Komfortzone wie Gefangene, die zum ersten Mal vom Licht geblendet aus Platons Höhle treten. Hinter dem Fellhumor verbirgt sich deshalb ein kluger Gedanke über ideologische Scheuklappen, über die Bequemlichkeit des Vergessens und über die Notwendigkeit der Konfrontation mit dem Wirklichen.
Natürlich gerät nicht alles makellos. Der haarige Beweis im Finale wirkt hanebüchen und konstruiert. Und trotzdem ist „Glennkill“ eine echte Positivüberraschung. Der Film verbindet Familienunterhaltung mit thematischer Tiefe: Tod, Trauer, Erinnerung und kritisches Denken schleichen sich hier in ein Gewand aus Wolle und Kinderhumor.