Szenenbild aus Vier minus drei Fotos: Polyfilm, Alamode Film
  • Bewertung

    Clownerie und Comedy im Angesicht der Tragödie

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    Eine Tragödie, so schrecklich wie diese, könnten sich die meisten nicht in ihren intensivsten Alpträumen zusammenreimen. Bei einem Unfall verliert die gebürtige Wienerin Barbara Pachl-Eberhart 2008 ihren Mann und die zwei jungen Kinder. An einem Bahnübergang im steirischen Takern wird das Familienauto von einem Zug erfasst. Es ist ein Horrorbild, das damals in den Medien kursiert: ein zerschmetterter Van, der das grinsende Antlitz eines Clowns ziert. Dazu muss man wissen: Barbara und Ehemann Heli hatten ihr Leben der Clownerie verschrieben. Er erhoffte sich den Weg in die großen Zirkusse der Welt, sie zauberte als Red-Nose-Clownin sterbenskranken Kindern ein Lächeln ins Gesicht.

    Was, wenn ein Mensch, der anderen in dunklen Zeiten Licht schenkte, aus dem Nichts wie eine Dampfwalze von der Trauer überrollt wird? Katharsis fand die Witwe im Prozess des Schreibens. Heute gibt sie Schreibkurse und hilft Trauernden, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und daraus neue Kraft zu schöpfen. Ihren Schicksalsschlag konnte sie in einen Bestseller kanalisieren. „Vier Minus Drei“ nennt sich das Buch, in dem die Mutter einer Familie, die von einem auf den anderen Tag keine mehr war, ihren Heilungsprozess dokumentierte.

    Mit Adrian Goiginger („Die Beste aller Welten“, „Der Fuchs“) hat nun ein Regisseur das Buch verfilmt, der feines Gespür dafür besitzt, harte Stoffe universell nachvollziehbar aufzubereiten. Einen Trauerporno kann man diese Adaption einer ganz realen Tragödie definitiv nicht schimpfen. Senad Halilbašić, Co-Drehbuchautor, sprach auf der Berlinale darüber, wie er versuchte, den Aspekt der Heilung durch die Ausübung von Kunst als zentrales Thema herauszuarbeiten. Der Unfall, der die glückliche Familie entzweite, wird nie visualisiert - und das ist gut so. Mit beachtlichem Feingefühl und ohne künstlich stilisiertes Pathos nähert sich das Drehbuch von Goiginger und Halilbašić der Trauer einer Frau, die sich lange überhaupt weigert, diese an sich heranzulassen. Schmerz wird überspielt, man flüchtet sich in Erinnerungen, in rauschhafte Zustände, in die Clownsrolle, mit der man so vielen anderen die Last abnahm.

    Die Frage, ob Verdrängung je ein gesunder Weg der Trauerverarbeitung sein kann, stellt sich in den Raum. Umso intensiver der Moment des totalen Zusammenbruchs, der unmittelbaren Konfrontation mit dem eigenen Trauma, der erst spät folgt. Mit beeindruckender mimischer Beherrschung wird dieser von seiner Hauptdarstellerin getragen, der bekannten oberösterreichischen Film- und Theaterschauspielerin Valerie Pachner, am berühmtesten für ihre Darstellung der Franziska Jägerstätter in Terrence Malicks „A Hidden Life“ (2019). Nicht minder ausdrucksstark der Mann an ihrer Seite. In der Rolle des Heli, der Liebe ihres Lebens, blüht Robert Stadlober (u.a.: „Crazy“) auf, wechselt eindrucksvoll zwischen sanfter Lebenslust und tiefer Verzweiflung. Ihr Mann und ihre Kinder waren nicht perfekt, aber gerade deshalb, wären die gemeinsamen Stunden und Minuten so schön gewesen. In nur wenigen Sekunden verlor sie ihre drei Lieblingsmenschen, doch die Erinnerung kann ihr niemand nehmen, wie dieser auf Rückblenden aufbauende Film unterstreicht. Es sei wichtig, die bittere Pille der Trauer nicht einfach zu schlucken und mit falschem Grinsen durchs Leben zu schreiten. Genauso wichtig sei es aber in diesen düsteren Zeiten, die Hoffnungsschimmer nicht zu übersehen, diese am Schopf zu packen und den ersten Samen der Heilung zu säen.

    In der umwerfenden, weil poetischsten Sequenz möchte man dem Gevatter Tod nicht das letzte Wörtchen haben lassen: eine Trauerfeier wird zur Zelebration auf das Leben und auf die Liebe, samt Pauken, Trompeten und allerlei Clownsnasen. So ist dieser Film, der über unvorstellbare Trauer erzählt, einer, der das Leben letztlich umarmt, trotz oder gerade wegen all des Schmerzes den Glauben ans Gute im Menschen behält und eine große Lanze bricht für die Profession der Clownerie. Ein schlichtes Lächeln, daran wird festgehalten, kann Wunder wirken. Hut ab!
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    (Christian Pogatetz)
    19.02.2026
    08:23 Uhr