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„In-I“ war der Titel einer Tanzperformance mit der Juliette Binoche und Akram Khan, ein international gefeierter Tänzer und Choreograph, 2008 auf Tournee gingen. 2025 wurde daraus das Filmprojekt „In-I in Motion“, das die Bühnenperformance filmisch adaptierte und erweiterte. In ihrem Regiedebüt dokumentiert Binoche die Erfahrungen, die sie während ihrer Pause vom Film als Tänzerin gemacht hat. Das künstlerische Experiment entspringt Binoches Wunsch, ihre Komfortzone zu verlassen, während Khan sich im Schauspiel versuchen wollte. Beide meisterten die Aufgabe mit Bravour. (Ein Paar sind sie übrigens nicht.)
Der Titel hat mehrere Ebenen: „In-I“ verweist auf das Innenleben zweier Menschen, das „Innen“ im „Ich“ und das „Innen“ im „Du“. Er spielt aber auch auf das Wortspiel „in I“ vs. „in eye“ an: Intimität als Blick, als Spiegelung. Khan sagte, dass „In-I“ ein Ort sei, an dem zwei Identitäten ineinander übergehen und zugleich gegeneinander arbeiten. – „In-I in Motion“, der Filmtitel, macht deutlich, dass dies kein bloßer Mitschnitt ist, sondern eine Weiterentwicklung: das Innenleben zeigt sich nun in filmischer Bewegung.
Der Film ist zweigeteilt: Die erste Hälfte begleitet sechs Monate Vorbereitungs- und Probenarbeit des Projekts „In-I“. Die zweite Hälfte zeigt die Live-Aufführung. Der Film versteht sich als Hybrid zwischen Tanz, Performance und Dokumentation. Es gibt keine lineare Handlung, sondern eine Folge von Zuständen wie Nähe, Abkehr und Wiederannäherung. Intimität ist nichts Bleibendes, sondern etwas, an dem beide Seiten arbeiten – und das jederzeit kippen kann. Das spiegelt sich in der Beziehung der Protagonisten während der Entwicklung der Choreografie und in der getanzten Liebesgeschichte.
Die Handlung des Bühnenstücks geht von einer frühen Liebeserfahrung Juliette Binoches aus. Als sie mit 15 Jahren Fellinis „Casanova“ im Kino sah, verspürte sie Neugier, Furcht und Begehren, was unmittelbar nach dem Film zu einer Beziehung führte, die sie später als „verwirrend“ und „innerlich widersprüchlich“ bezeichnete. Zusammen mit Khan versuchten sie, jene Rohheit und Unerfahrenheit in eine erwachsene künstlerische Form zu übersetzen, in der Liebe kein harmonisches Wunschbild ist, sondern ein Feld von Spannungen. Beide betonten, kein Beziehungsdrama darzustellen, sondern ein Porträt zweier Menschen, die einander nicht vollständig verstehen – und gerade darin authentisch werden. „Two people finding ways to live together with a wall.“, sagte Khan dazu.
Dass diese Zusammenarbeit intensiv und manchmal schwierig war, verschweigen beide nicht. Binoche nennt das Projekt „eine Konfrontation mit der eigenen Nacktheit“. Khan sagt sogar, dass es Momente gab, in denen er sich fragte, ob die Reibung produktiv oder destruktiv sei. Doch beide beschreiben die Zusammenarbeit als ungewöhnlich ehrlich: Sie ließen sich gegenseitig in ihre künstlerischen Komfortzonen hinein- und wieder herausführen. Khan sagte, Binoche dränge ihn zu emotionaler Direktheit, während sie von seiner strukturellen Strenge herausgefordert wurde. Das Ergebnis ist im Film spürbar: ein sichtbares Ringen, das nicht geglättet wird. Die beiden Stars zeigen ihre Emotionen und Ängste offen und gehen auch körperliche Blessuren für die Kunst ein. So leichtfüßig das Stück am Ende wirkt, der Entstehungsprozess ist fordernd.
Verantwortlich für Bühne/Set ist Anish Kapoor, indisch-britischer Bildhauer und Installationskünstler. Er entwarf eine freistehende, rotviolett gefärbte Wand, die sich im Verlauf der Aufführung farblich und räumlich wandelte. Die visuelle Gestaltung trägt wesentlich zur Symbolik der Performance bei. (z.B. wenn die schweißtreibende Beziehungsarbeit erste Spuren hinterlässt.) Die Kameraarbeit stammt von Marion Stalens, Binoches Schwester. Ihre vorwiegend mit der Handkamera gedrehten Nahaufnahmen der Choreographie-Entwicklung wirken fast familiär intim und entziehen sich jeglicher Schönfärbung. Ursprünglich waren sie ausschließlich zur internen Dokumentation der Fortschritte gedacht. Die Idee zum Film kam Binoche erst als Robert Redford ihr nach einer der Vorstellungen dazu riet, bis zum Start der Umsetzung dauerte es weitere 15 Jahre. Leider geht die Lebendigkeit der Aufnahmen beim Mitschnitt der Live-Performance etwas verloren, was den fast dreistündigen Film mit der Zeit in eine Herausforderung an die Konzentrationsfähigkeit abgleiten lässt.
Im Grunde geht es nicht um das Bühnenstück, sondern um Intimität und Emotionen, die alle Phasen des Projekts begleiten. Tanz und Schauspiel fordern den Protagonisten viel ab. Man erhält eine Ahnung davon, warum Khan und Binoche Stars wurden: Sie stellen sich ihren Ängsten und Rückschlägen und machen weiter, wo andere aufgeben. Das macht auch die Faszination des Films aus: „In-I in Motion“ ist ein kühner und ehrlicher Film, der sich nicht anbiedert und der von der gnadenlosen Offenheit profitiert, mit der die zwei Stars ihre Emotionen preisgeben.