Exklusiv für Uncut von der Diagonale
Das ewige Thema des assistierten Suizids ist noch lange nicht ausdiskutiert. Zu viele Abläufe sind noch unklar und neue Fälle werfen auch neue Fragen auf – von der ethischen Ebene ganz zu schweigen. Dazu hat Johann Spittler jedoch eine ganz klare Meinung: „Ethische Proklamationen können Umstände nicht ändern“. Wenn jemand diese Umstände kennt, dann wohl er. Der mittlerweile 84-jährige Neuropsychiater begutachtet Menschen, die den Wunsch zum assistierten Suizid ausdrücken. Über 600 Personen hat er „ausgefragt“ – wie er es selbst ausdrückt. Eine Besonderheit an Spittlers Tätigkeit ist, dass er nicht nur die Gutachten ausstellt, sondern zum Teil auch den Suizid selbst assistiert. Einige sehen hier eine Unvereinbarkeit der Tätigkeiten – und genau das hat den Dokumentarfilmer Pavel Cuzuioc dazu bewegt, diesen Mann kennenzulernen.
„Können Sie mit dem Begriff einer Lebensaufgabe etwas anfangen?“
Langsam und in gewählter Ausdrucksweise stellt Johann Spittler seinen Gesprächspartner:innen intime Fragen zu ihrem Leben. Die Gespräche finden bei den Patient:innen meist zuhause statt, der Gutachter besucht sie gemeinsam mit seinem Hund Linus. Auf einem schmalen Grat zwischen Sachlichkeit und Empathie bewegen sich die Dialoge – man merkt den Menschen die Erleichterung an, sich Spittler anvertrauen zu dürfen. Nichtsdestotrotz sind die Themen sehr schwer und man fragt sich, ob die dauerhafte Konfrontation damit, dem Psychiater nicht auch zu schaffen macht. Der Film ermöglicht es, Johann Spittler Stück für Stück näher kennenzulernen und offenbart, dass auch er sich nach manchen Begegnungen verloren fühlt. Die Dankbarkeit, die er nach den Gesprächen spürt, motiviert ihn jedoch weiterzumachen – an seiner Lebensaufgabe zweifelt der 84-Jährige nicht.
„Schauen Sie diesen Film mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf“
Pavel Cuzuioc bittet darum, sich in die Betroffenen hineinzufühlen. Die Schicksale, von denen sie erzählen, sind schrecklich. Auf die Frage, wie sie ihren Tag verbringe, antwortet beispielsweise eine Patientin: „Ich kucke auf die Uhr und hoffe, dass er bald vorbei ist“. Es ist wahrscheinlich unmöglich, sich das als Außenstehende:r vorzustellen, dennoch bringt der Film uns ihre Perspektiven greifbar nah. Der Dokumentarfilmer erzählt, dass viele sich gefreut hätten, ihre Geschichten an ein größeres Publikum zu tragen und manche sich sogar wünschten, er möge ihr Ableben mitfilmen. Cuzuioc lehnte das ab – er sehe darin einen Voyeurismus, den er ablehne. Wie die Geschichten der dargestellten Personen enden, lässt er offen. Viel mehr konzentriert er sich auf Johann Spittler, dessen isoliertes Leben in der zweiten Hälfte des Films näher beleuchtet wird.
Suizidhilfe oder Totschlag?
Die anfangs erwähnten rechtlichen Unklarheiten werden dem Neuropsychiater zum Verhängnis: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe bei einem assistierten Suizid den psychischen Zustand des betroffenen nicht ausreichend geprüft. Das Urteil? Totschlag in mittelbarer Täterschaft. Bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ist es kompliziert, die „Freiverantwortlichkeit“, die für das grüne Licht für selbstbestimmtes Sterben in Deutschland festgestellt werden muss, zu beurteilen. Spittler sieht darin eine Benachteiligung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und beklagt die Schwächen des Systems – der Psychiater muss jetzt seine Haftstrafe absitzen.
Cuzuiocs „Grünes Licht“ stellt eine Person vor, deren Meinung man nicht teilen muss, um sie beeindruckend zu finden. Dem Regisseur gelingt eine berührende und tief humanistische Betrachtung – eine klare Sehempfehlung!