Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
Zu Anfang wird über eine Texttafel klar gemacht: die Hauptfigur, der wir die nächsten zweieinhalb Stunden folgen, hat in Wahrheit nie existiert. Dabei würde es einen nicht wundern. „The Wizard of the Kremlin“ ist der Versuch, den Aufstieg einem der politischen Aggressoren des Hier und Jetzt zu erklären: dem vom russischen Staatschef und Kriegstreiber Vladimir Putin (Jude Law). Drahtzieher sei laut der fiktionalisierten Nacherzählung, die auf dem gleichnamigen Roman von Giuliano da Empoli basiert, der auf den ersten Blick unscheinbare Vadim Baranov (Paul Dano) gewesen. Als studierter Theatermacher weiß es Baranov, die perfekte Show zu inszenieren. Seine bescheidenen Anfänge führen den Künstler ins Politikum – und lassen ihn zum Propagandist eines gefährlichen Regimes abheben. Jahre später sagt er einem Akademiker (Jeffrey Wright) gegenüber aus.
Pseudopolitisches Kino der Oberfläche
Über Rückblenden entführt Regisseur Olivier Assayas zurück zu den bescheidenen Anfängen des Reue fühlenden Spindoctors. Den berauschten Kunststudentenpartys, ersten Liebeleien (Alicia Vikander tritt immer wieder als eindimensional geschriebene „Ksenia“ ins Bild), dem Wunsch nach Ruhm, Reichtum und Respekt. Wie Assayas den Exzess visualisiert, macht Spaß zu verfolgen, die eurozentrische Arthouse-Erdung seiner bekanntesten Filme („Irma Vep“, „Personal Shopper“) wurde allerdings gegen effekthascherische Überinszenierung eingetauscht. Die Wandlung, körperlich wie moralisch, spielt Paul Dano gewohnt überzeugend und verzichtet, so dankenswerterweise alle Akteure im Film, auf einen aufgesetzten russischen Akzent. Wie glaubwürdig Jude Law als Putin-Karikatur den Habitus des Mannes, dem man in kaum einer Nachrichtensendung entkommen kann, nachäfft, ist erschreckend. Präzisere Beobachtungen zum politischen Kasperltheater der Sowjetunion gibt es aber wenige. So plausibel sich auch die Hauptfigur in die Historie einfügt. „The Wizard of the Kremlin“ ist glanzpoliertes Politpopcornkino, dem es an nachhaltiger Substanz mangelt. Nett anzuschauen, aber man bekommt das Gefühl nicht los, hier eine komprimierte Miniserie zu sehen. Dass Disney+ seine Finger im Spiel hatte, wie man eingangs erfährt, wundert nicht.