Szenenbild aus The Testament of Ann Lee Fotos: The Walt Disney Company
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    Lieder von Glaube und Enthaltsamkeit

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2026
    In einem schmissigen Musical-Setting erzählt Mona Fastvold die bewegte Geschichte der Gründerin der „Shaker“-Bewegung mit Amanda Seyfried in der Titelrolle.

    Es wäre gar nicht einmal so verwegen, sich das Leben einer der umstrittensten religiösen Persönlichkeiten der Geschichte als Musical à la „Les Misérables“ vorzustellen. Das dachten sich jedenfalls Mona Fastvold und Brady Corbet, nachdem sie Corbets Wunschprojekt „The Brutalist“ 2024 in all seinem Pomp und VistaVision-Glanz in die Kinos gebracht haben. Und ganz so unähnlich sind die Geschichten des fiktiven Holocaust-Überlebenden László Tóth (Adrien Brody) in Corbets Immigranten-Epos und der tiefgläubigen Ann Lee in Fastvolds Film nicht. Beide verlassen Europa, um in den USA ein neues Leben anzufangen. Beide stoßen auf Widerstände und Vorurteile, durch die sie sich durchkämpfen, umgeben von ihren Angehörigen. Nun also, nur ein Jahr nach „The Brutalist“, schicken sich die beiden Ko-Autoren dieses Bretts von einem Film an, einen weiteren altmodisch anmutenden Prachtschinken zu präsentieren.

    Auch „The Testament of Ann Lee“ wurde im entstaubten „VistaVision“-Format, in dem die Filmrolle horizontal statt vertikal durch die Kamera läuft, gedreht, und wird in ausgewählten Lichtspielhäusern vom 70mm-Projektor gezeigt. Wer also diesen Film in seiner ganzen Pracht, wie von Fastvold und Corbet vorgesehen, bestaunen möchte, dem sei ein Abstecher etwa ins Wiener Gartenbaukino empfohlen. Man wird es nicht bereuen, denn in punkto Bildgewalt setzt auch „Ann Lee“ Maßstäbe. Kameramann William Rexer fängt Manchester zur Mitte des 18. Jahrhunderts eindrucksvoll und mit viel Detailliebe ein. Auch die Szenen an Bord der „Mariah“, die Ann Lee und ihre getreuen Follower in die USA bringt, wo sie eine neue Heimat für ihre Bewegung finden, sind schön bebildert.

    Die Story kommt dafür eher etwas konventionell und unspektakulär daher. Ob man die Geschichte der „Shaker“ und ihrer willensstarken Gründerin kennt oder nicht, spielt dabei keine große Rolle. Fastvold tut gut an der Entscheidung, kein konventionelles Biopic über Ann Lee anzufertigen und sich stattdessen auf den musikalischen Aspekt ihres Lebens und Wirkens zu konzentrieren. Gemeinsam mit ihrem Komponisten Daniel Blumberg, der auch schon für „The Brutalist“ einen wunderschönen Score kreiert hat, der ihm zu Recht den Oscar eintrug, schafft sie eine spannende Reise, auf die sie ihre Protagonistin schickt, mit schmissigen, ins Ohr gehenden Songs – „John’s Running Song“ etwa, ein kurzer, aber unvergesslicher Ohrwurm – und hypnotischen Tanzeinlagen. Die Songs profitieren auch von den hingebungsvollen Schauspielern, die sie interpretieren.

    Das Ensemble wird von einer einmal mehr furchtlosen und eindrucksvollen Amanda Seyfried angeführt, deren Musical-Erfahrung mit den „Mamma Mia!“-Filmen und „Les Misérables“ hier gut zur Geltung kommt. Sie singt, tanzt und spielt sich hier regelrecht in einen Rausch, und auch wenn man vielleicht nicht in allen Belangen mit ihrer Figur übereinstimmen mag, so verleiht ihr Seyfried doch eine faszinierende Aura und viel Charisma, das es braucht, um einem Charakter wie Ann Lee zu folgen. An ihrer Seite agieren Lewis Pullman als ihr heimlich homosexueller Bruder William, Thomasin McKenzie als Anns enge Vertraute Mary, die als Erzählerin fungiert, Christopher Abbott als Anns Ehemann Abraham, Tim Blake Nelson als Pastor und David Cale als Farmer John Hocknell, der den „Shakern“ bei der Suche nach einer Siedlung in New England hilft.

    Die Wucht der Bilder und der Musical-Nummern kann die narrativen Schwächen des Films nur zum Teil übertünchen. Besonders viel in Erinnerung ist mir nach dem Ende des Abspanns, abgesehen von einigen wirklich eingängigen Melodien und zum Teil unfreiwillig komischen Ritualszenen, nicht geblieben. Anns kurzes und bewegtes Leben im Auftrag des Herren, frei von jeder Sünde zu leben und sich der Wollust zu entsagen, womit sie besonders kleingeistige Bürger gegen sich aufbringt, die mehr auf traditionelle konservative Ansichten und Familienbande Wert legen, ist durchaus ansprechend inszeniert. Nur bleibt am Ende dieser 137 Minuten langen audiovisuellen religiösen Geschichtsstunde wenig Katharsis übrig. Wer übrigens während des Abspanns sitzenbleibt, der wird mit interessanten Zahlen, Daten und Fakten über die Geschichte der „Shaker“ belohnt und wird überrascht sein, wie viele Mitglieder die Bewegung gegenwärtig noch hat.

    Mit viel Pomp und Pathos umgesetzt, und mit einer gewohnt starken zentralen Performance von Amanda Seyfried, wird sich „The Testament of Ann Lee“ wohl trotzdem nicht anschicken, auf absehbare Zeit in Karaokebars und Casting-Shows nachgeahmt zu werden. Zu speziell das Thema, zu routiniert die Inszenierung. Da wäre durchaus mehr drin gewesen.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    11.03.2026
    08:01 Uhr