Szenenbild aus No Other Choice Fotos: Filmladen, Neon
  • Bewertung

    Leichern pflastern seinen Karriereweg

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Wer im Kapitalismus bestehen will, wird gelegentlich zu drastischen Entscheidungen gezwungen. Der Südkoreaner Bong Joon-ho hat das verstanden und in seinem Oscar-prämierten Klassenkampfthriller „Parasite“ eindrücklich gezeigt, wie die Arbeiterklasse von einem ausbeuterischen System gegeneinander ausgespielt wird. Der nicht minder renommierte Park Chan-wook („Oldboy“, „The Handmaiden“) bekräftigt die universelle These seines Landsmanns mit seiner neuen Arbeit. In „No Other Choice“ wird ein frischgefeuerter Familienvater ins Höllenfeuer der Jobsuche katapultiert. Und sieht in der Ausweglosigkeit nur mehr einen Weg, der langfristigen Arbeitslosigkeit zu entkommen.

    Mord ist sein Hobby

    Fast drei Dekaden lang ist Yo Man-soon (Lee Byung-hun) der Papierproduktion treu geblieben, hat seine Expertise unterdessen nur verfeinert. Seinen Vorgesetzten reichen die Qualifikationen aber nicht aus. Nach einer Übernahme amerikanischer Investoren, soll in der Firma ausgemistet werden. Seine Stelle sei laut den neuen Besitzern ohnehin ersetzbar. Man-soon verliert die Arbeit und damit Grundpfeiler seines Lebensstandards. Ein Gelegenheitsjob im Supermarkt reicht nicht aus, um seine Familie weiter durchzufüttern. Auch im Privaten muss er Einschneidungen machen. Samt Frau (Son Ye-jin) und der zwei Kinder geht es in ein kleineres Anwesen, die Familienhunde werden zwecks fehlender Ressourcen weggegeben und auch – oh Schreck – das Netflix-Abo muss dran glauben. Man-soon sehnt sich nach einer Rückkehr in sein altes Gewerbe. Bewerbungsversuche scheitern aber, die Konkurrenz am Arbeitsmarkt einfach zu groß. Als nach einem Jahr kein Aufwärtstrend in Sicht scheint, greift er zu drastischen Mitteln. Wenn er seine Mitbewerber nicht mit Qualifikation ausschalten kann, dann eben anderweitig. Selbst wenn er dafür über Leichen gehen muss.

    Kapitalismussatire par Excellence

    „No Other Choice“ ist, da scheint man sich einig, wahrscheinlich das Wunderwerk im heurigen Wettbewerb von Venedig. Park Chan-wook ist ein Geniestreich gelungen, der am Puls der Zeit hängt, und atemlos zwischen Genres herumspringt. Im Gegensatz zu gleichaltrigen Kollegen scheut Filmemacher Park nicht davor zurück, neumodische Technologien zu verwenden. Genauer gesagt: er macht diese zum Teil der visuellen Erzählsprache. Schon im letzten Werk, dem fesselnden „Decision to Leave“, fand er kreative Wege, das Smartphone als omnipräsentes Mittel der Kommunikation in sein Narrativ zu verwickeln. Schlüsselszenen spielen sich über Facetime-Konversationen ab. Der Regisseur macht sich die Werkzeuge des digitalen Zeitalters zunutze, seine Geschichte auszuschmücken – und spricht hier und da auch Warnungen aus. Es ist aber die Unberechenbarkeit, die sein aktuelles Werk, so groß macht. Schnörkellos wechselt Park die Tonalitäten – von bitterböse komisch, zu cartoonesk juvenil, zu tieftragisch. Nie aber geschehen diese Wechsel anorganisch, so clever, pointiert und präzise ist sein Drehbuch durchkomponiert. Und pointiert, das ist auch die Kapitalismuskritik, die hier über allem schwebt. Trotz der Schreckenstaten, die sein Protagonist begeht, und der Film auch verurteilt, wird sein Dilemma menschlich gestaltet. Als Tragödie und Mahnmal an eine Gesellschaft, die maschinelle Effizienz über das Wohl des Individuums stellt. Darüber hinaus: höchst unterhaltsam und makellos inszeniert. Das Werk eines modernen Meisters.
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    (Christian Pogatetz)
    05.09.2025
    16:48 Uhr