Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
Jim Jarmusch ist Urgestein des amerikanischen Independent-Kinos. Jemand, der als Privatperson wie in seiner Kunst stets eine Coolness, eine Leichtigkeit repräsentierte, die man aus meilenwerter Entfernung als die seinige identifizieren kann. Ein Original. Aber auch jemand, der sich in den vergangenen Jahren sehr rar machte. Nach der Zombiekomödie „The Dead Don't Die“ im Jahr 2019, ein seltener Tiefpunkt in seinem Schaffen, hat sich der exzentrische Autorenfilmer eine Pause genehmigt. Mit „Father Mother Sister Brother“ ist der heute 72-Jährige nicht nur zum Filmemachen zurückgekehrt, sondern gleich zur minimalistischen Essenz seines Frühwerks. Mit angenehmen, aber auch ernüchternden Resultaten.
Was uns bindet
Die Tragikomödie ist ein Episodenfilm wie aus dem Jarmusch'schen Handbuch, der über lose thematische Assoziationen intime Einblicke in den Alltag verschiedener Figuren gibt. Man erinnere sich an den großartigen „Night on Earth“ oder „Coffee and Cigarettes“. Name ist Programm. „Father Mother Sister Brother“ erzählt in drei Episoden von mal mehr, mal weniger komplizierten Familienverhältnissen. In der ersten und kürzesten Geschichte bereiten sich die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) auf den Besuch beim Herrn Papa (Tom Waits) vor. Seit dem Tod ihrer Mutter ist die Sorge um den rüstigen Vater umso größer. Der spielt seinen Gesundheitszustand runter, faselt lieber etwas über mutmaßlich gefälschte Rolexuhren daher. Zum familiären Tischkränzchen lädt auch die zweite Erzählung „Mother“. Im irischen Anwesen der Mama (Charlotte Rampling) kommt es zum Wiedersehen der Schwestern Lilith (Vicky Krieps) und Timothea (Cate Blanchett). Die eine, eine Fashioninfluencerin mit pinker Mähne, plagen finanzielle Probleme. Die andere überspielt jede noch so große Unannehmlichkeit mit einem Lächeln. Zum Abschluss geht es dann nach Paris, wo man sogleich das Geschwisterpaar antrifft, das im finalen Teil des Titels referenziert wird. Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) sind Zwillinge, die vor nicht allzu langer Zeit bei einem Flugzeugabsturz ihre Eltern verloren. Um noch einmal in Erinnerungen und Erinnerungsstücken zu kramen, begeben sich die beiden Amerikaner*innen in das Pariser Apartment der Verstorbenen.
Angenehm, aber wenig aufschlussreich
Kleine Beobachtungen, Gesten und Eigenheiten, die sich zu Running Gags mausern, sind für Jarmusch täglich Brot. Das ändert sich auch in seiner aktuellen Regiearbeit nicht. Die spannendsten Momente ergeben sich zwischen den Zeilen, Unausgesprochenes wird in Blicken geklärt, Wortgefechte bauen sich langsam auf. Jarmuschs Dialog verkörpert einen Naturalismus, der direkt aus dem Leben gegriffen wirkt, zur selben Zeit aber auch erkennbar Erzeugnis der eigenen Klinge ist. Doch muss man zugeben, dass manches nicht mehr so locker daherkommt, wie man es aus frühen Filmen in Erinnerung trägt. Man könnte sogar meinen, „Father Mother Sister Brother“ wäre lediglich ein Schatten Jarmuschs alter Filme. Ja, in einzelnen Momenten lässt sich Altersweisheit erkennen und die Pointen sind treffsicher wie eh und je, die Besetzung hinreißend, aber die Ungezwungenheit früher Werke ist irgendwo verloren gegangen. Charmant genug, aber von der Profundität und auch der mühelosen Stilsicherheit eines „Night on Earth“ Lichtjahre entfernt.