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    Die Kunst des Weitermachens

    Exklusiv für Uncut
    Für kurze Zeit zu Beginn wirkt Eva Victors Erstlingswerk wie ein kuscheliger Herbstnachmittag zweier Freundinnen: Kaffee, Couchdecke, Literatur, Deep Talks. Die Welt scheint an verregneten Nachmittagen stillzustehen. Erst später wird klar, in welcher Lage Agnes steckt. Im Rahmen des Mentorings für ihre Doktorarbeit nutzt ein Professor seine Macht und vergewaltigt sie — ein Bruch, der ihr Leben durcheinanderbringt und zu Melancholie bis hin zu Suizidgedanken führt. „Sorry, Baby“ dringt in die Gefühlslage der Protagonistin ein, ohne den Übergriff theatralisch auszumalen; Eva Victor bleibt in Form und Schauspiel sachlich und konzentriert. Die US-amerikanische Komikerin und Content Produzentin verkörpert selbst die Hauptfigur und ist gleichzeitig Regisseurin und Autorin dieses autobiographisch angehauchten Dramas.

    Auf der einen Seite also die schmerzhafte Tragik des Übergriffs, die Eva Victor mit Nüchternheit betrachtet und das Entscheidende nur andeutet. Beinahe hypnotisch starr steht die Kamera auf dem Stativ und filmt das Haus, in das Agnes zu ihrem Professor eintritt. Mehrere Zeitsprünge liefern zeitlichen Kontext, während die Geschehnisse in den Räumen verborgen bleiben. Hier entsteht das Negativbild des Films, das Unsichtbare, das sich in der Vorstellung abspielt. Viele Kritiker:innen hoben hervor, wie präzise dieser Nicht-Schock, das Deklinieren des „Bad Thing“, klingt. Die narrative Struktur, die in fünf Kapitel zerfällt und sich nicht linear entrollt, spiegelt die Erfahrung des Traumas selbst — nicht als einfache Vorher/Nachher-Chronik, sondern als Verflochtenheit von Erinnerung, Gegenwart und zärtlicher angedeuteter Zärtlichkeit.

    Kurz darauf zerbrechen Worte die Stille, unangenehme Worte, die den Vorfall in einer Deutlichkeit schildern, die uns tief in die Magengrube schlägt. Allein die Abwesenheit des Täters sorgt für den konsequenten Opferfokus im weiteren Filmverlauf. Die fantastische Naomie Ackie als Lydie ist eine starke Stütze, ebenso Lucas Hedges als Nachbar Gavon. Freundschaft wird hier zu philosophischer Praxis.

    Gleichzeitig arbeitet das Drama mit lakonischem Humor. Beispiele: Agnes füllt vor Gericht einen Fragebogen aus, kreuzt bei der Frage nach dem Geschlecht beide an und zeichnet einen zweiseitigen Pfeil zwischen die Optionen; Vertreterinnen der Uni äußern wiederholt ihre „Empathie“ mit dem Hinweis, sie seien ja auch Frauen — formal, aber gehaltlos. Die neidische Kommilitonin Natasha (Kelly McCormack) fungiert als amüsanter, fast schon überzeichnet karikaturesker Sidekick. Gelegentlich geht die Absurdkomik zu weit; durch die Vielzahl der Figuren und Stationen tritt der Fokus manchmal in den Hintergrund.

    Fazit: Eva Victors intensives Spielfilmdebüt begleitet eine Frau, deren Suche nach Sinn durch sexuelle Gewalt in Richtung Nihilismus kippt. Traurigkeit und Suizidgedanken bleiben ständige Begleiter, werden aber durch den humoresken Tonfall abgeschwächt. So entsteht ein stringentes Arthouse-Werk, das ernste Themen mit scharfem, oft lakonischem Blick verbindet – und Perspektiven eröffnet, über die es noch lange nachzudenken gilt. Ein Therapiefilm als erstklassige Meditation über das Weitermachen, über die Zeit nach dem Unaussprechlichen.
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    (André Masannek)
    03.02.2026
    16:55 Uhr
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