Szenenbild aus Das Ende der Sterne Fotos: The Walt Disney Company
  • Bewertung

    Das Leben nach der Apokalypse in Colorado

    Exklusiv für Uncut
    Spannungsarmes Endzeit-Szenario über die wenigen Überlebenden einer Grippe-Pandemie, die sich im unwirtlichen Colorado durchschlagen wollen. Jacob Elordi, Josh Brolin, Margaret Qualley und Guy Pearce stellen sich dieser Herausforderung in Ridley Scotts 30. Regiearbeit.

    Wenn Sir Ridley Scott einen neuen Science-Fiction-Film in die Kinos bringt, dann ist die Erwartungshaltung von Haus aus sehr hoch. Immerhin hat uns der visionäre britische Filmemacher so zeitlose Klassiker wie „Alien“ (1979) und „Blade Runner“ (1982) sowie den modernen Publikumsliebling „Der Marsianer - Rettet Mark Watney“ (2015) beschert. Man darf also durchaus mit einer gewissen Vorfreude in seinen neuen Film gehen, den Drehbuchautor Mark L. Smith von dem 2012 publizierten Roman „The Dog Stars“ des Schriftstellers Peter Heller adaptierte. Smith selbst hat sich einen Namen mit den beinharten Survival-Dramen „The Revenant“ (2015) von Alejandro González Iñárritu und „The Midnight Sky“ (2020) von George Clooney gemacht, beide in einem kargen winterlichen Setting angesiedelt. Nun, ein bisschen was von beidem findet sich auch hier.

    Im Jahr 2035 ist die Zivilisation durch eine verheerende Grippe-Pandemie nahezu ausgelöscht worden. In Colorado lebt der gelernte Mechaniker Hig (Jacob Elordi), der den Tod seiner schwangeren Frau noch nicht verwunden hat und mit seinem treuen, aber bereits in die Jahre gekommenen Hund Bailey in seiner gelben Cessna regelmäßig ins verwahrloste Denver fliegt, um Vorräte und Medizin einzusammeln, die er zu einer abgelegenen Mennoniten-Siedlung in den Bergen bringt. Unterstützt wird er dabei vom raubeinigen Ex-Marine Bangley (Josh Brolin), der marodierende Herumtreiber, die sich in sein Areal verirren, mit gezielten Kopfschüssen liquidiert und anschließend verbrennt. Hig hält es derweil nicht so mit Gewalt, überhaupt hat er die Hoffnung auf das Überleben der Menschheit über die Grenzen seines Gebiets hinaus nicht aufgegeben. Immer wieder erhält er Funksprüche aus dem weiter entfernten Grand Junction und will, trotz Bangleys eindringlicher Warnungen, dorthin fliegen. Als er unterwegs eine Notlandung einlegen muss, macht er die Bekanntschaft mit der ebenfalls verwitweten Cima (Margaret Qualley) und ihrem argwöhnischen Vater Pops (Guy Pearce), mit denen er sich gemeinsam nach Grand Junction durchschlagen will – ohne zu wissen, was sie dort erwartet.

    Dass Scott mit seinen bald stolzen 89 Jahren immer noch bildgewaltige Filme inszenieren kann und das Gefühl einer untergehenden Welt gekonnt einzufangen weiß, ist nach 30 Spielfilmen in fast 50 Jahren keine Verblüffung mehr. Man merkt ihm hier aber doch eine gewisse Müdigkeit an, vielleicht wollte er nach „Gladiator II“ mal ein, zwei Gänge runterschalten und etwas Hoffnungsvolleres und Romantischeres produzieren. Die permanent angezogene Spannungsschraube aus „Alien“ und die atemberaubende visuelle Ästhetik aus „Blade Runner“ werden hier schmerzlich vermisst. Über weite Strecken der immerhin ökonomischen 118 Minuten begleiten wir Jacob Elordis sympathischen, aber doch blassen Protagonisten auf seinen Erkundungstouren durch Colorado – die beeindruckenden Naturaufnahmen sind allerdings allesamt in Italien gedreht worden. Brolins ruppiger Charme sorgt in der ersten Hälfte zumindest für einige unterhaltsame Dialogszenen. So richtig Fahrt nimmt die Geschichte erst mit den Auftritten von Qualley und Pearce auf, wobei besonders letzterer Brolin fast schon die Show in Sachen Coolness stiehlt. Ebenfalls in Erinnerung bleiben wird Allison Janney, die eine unberechenbare Stewardess in einem irren Flughafen spielen darf. Das schmerzt ein wenig über die zuweilen spannungsarme und blutleere Inszenierung hinweg.

    „The Dog Stars“ reiht sich in eine lange Riege postapokalyptischer Science-Fiction-Streifen ein, ich dachte beim Schauen an Werke wie Joseph Kosinskis inhaltlich ähnlichem „Oblivion“ mit Tom Cruise, der seine dünne Handlung mit viel Atmosphäre übertünchen konnte, etwas, das hier nur bedingt gelingt. Parallelen und Referenzen lassen sich auch zu anderen Genrebeiträgen ziehen: die gefeierte HBO-Serie „The Last of Us“ (seit 2023) etwa, in der es auch um die Nachwirkung einer katastrophalen Pandemie geht, ein Thema, das so kurz nach COVID-19 scheinbar umfassend künstlerisch aufgearbeitet werden muss. Oder Cormac McCarthys Roman „The Road“, 2009 verfilmt, ein wesentlich pessimistischerer Endzeit-Western, in dem ein Vater (Viggo Mortensen) verzweifelt versucht, seinen Sohn (Kodi Smit-McPhee) in Sicherheit zu bringen. Die Formel scheint in jedem Werk nahezu gleich aufgestellt: man nehme einen kernigen Typ, der das Ende der Menschheit nicht nur miterlebt, sondern überlebt, sich als einer der wenigen Immunen gegen degenerierende Monster zur Wehr setzt und die Frage beantworten muss, wohin die Menschheit eigentlich steuern will wenn nicht in ihr unvermeidliches Unheil. Das haben schon „I Am Legend“ (2007) und die „28 Days/Years“-Filme (seit 2002) narrativ abgearbeitet – und das sehr effektiv.

    Es scheint, als wollten Scott und sein Team noch ein wenig an der postapokalyptischen Filmparade teilnehmen, solange das Thema noch am Zahn der Zeit liegt. Nur wirft das die Frage auf, ob sie dafür nicht ein paar Jahre zu spät gekommen sind. Vielleicht ist es aber der Tatsache geschuldet, dass die Vorlage nicht mehr hergibt, da sie aus Versatzstücken früherer und ungleich besserer Werke zusammengestoppelt scheint. Eine originellere, unkonventionelle Herangehensweise an die Thematik hätte womöglich einen besseren Eindruck und Nachgeschmack hinterlassen. So bleibt aber die emotionale Resonanz auf Higs Schicksal bescheiden. Das ist schade, denn Jacob Elordi hat spätestens mit seiner Oscar-nominierten Rolle des Monsters in Guillermo del Toros „Frankenstein“ eine große darstellerische Bandbreite bewiesen.

    Der Film ist dennoch recht kurzweilig unterhaltsam und handwerklich gut gemacht. „The Dog Stars“ wird sich zwar in der beachtlichen Filmografie Scotts eher im Mittelfeld einreihen, aber das muss bei einer lebenden Regielegende nicht allzu negativ aufgefasst werden. Es darf davon ausgegangen werden, dass Ausschnitte aus diesem Film nicht in Retrospektiven-Clips, z.B. bei seinem bevorstehenden Ehren-Oscar im November, gezeigt werden. „Das Ende der Sterne“ ist aber hoffentlich noch nicht das Ende von Scotts Karriere.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    26.08.2026
    14:32 Uhr