Szenenbild aus Der Astronaut - Project Hail Mary Fotos: Sony Pictures
  • Bewertung

    Freundschaft jenseits der Biologie – Gemeinsam gegen das Sterben der Sterne

    Exklusiv für Uncut
    Ryan Gosling erwacht. Haarig, bärtig, schlapp, mit lästigem Roboterarm im Sichtfeld. Wie einst Robinson Crusoe befindet er sich allein auf einer Insel. Nur steuert sie als Raumschiff durchs Weltall. Die Erde steht vor dem Untergang: sogenannte Astrophagen, kleine Teilchen, rauben der Sonne ihre Energie. Keine böswilligen Horror-Aliens, die imperialistisch die Erde auslöschen. Sondern reine Biologie: die Partikel sind ihrer Räuber-Beute-Veranlagung willenlos ausgeliefert.

    In Rückblenden sehen wir diese Prämisse, sehen das Projekt des Raumschiffs Hail Mary, das zu einem fernen Sternensystem aufbricht, um einen Planeten zu untersuchen, der den sonnenfressenden Partikeln widersteht. An Bord: Ryan Gosling alias Ryland Grace, früher Molekularbiologe, dann Grundschullehrer, jetzt Astronaut. Es drohen Kälte, Hungersnöte und Kriege um Ressourcen. Gegenteiliger Background, identische Folgen. „Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist eine überdeutliche Parabel für die Klimakrise.

    Das alles zeigt uns das Regie-Duo Phil Lord und Christopher Miller in rasender Geschwindigkeit im ersten Filmdrittel. Es ist ein holpriger Beginn, bei dem auch die Beziehung zu Eva Stratt (Sandra Hüller) auf der Strecke bleibt. Sie ist die Leiterin des Projekts, ist streng, zielstrebig, bisweilen unmenschlich. Von ihr hätten wir gerne mehr gesehen, nachdem sie ihre Zerrissenheit zu Harry Styles‘ „Sign of the times“ karaoke-singend zeigt.

    Dafür belohnt uns die Weltraumoper, die ihre Vorbilder neben „Interstellar“ auch in „Arrival“ oder „2001“ findet, mit wuchtigen Szenen, die in den Kinositz drücken, und mit dem berührenden Akt zur Filmmitte. Sie ist Rückgrat und Fixstern: die interstellare, biologie-übergreifende Freundschaft zweier Wesen. Ähnlich wie Robinson mit seinem Freitag, aber doch anders: statt Kolonialismus gleichwertige Kooperation. Leider ist die Begegnung mit der außerirdischen Spezies dank des Trailers keine Überraschung mehr.

    Auftritt: Rocky, eine kleine Steinspinne vom Planeten Eridiani-40, filmikonischer Nachfolger von Spielbergs ET. Welch ein Spaß! Hier hat „Der Astronaut“ seine stärksten Momente, ist leichtfüßig, herzerweichend, witzig. Loblieder auf Meryl Streeps Stimme, das allererste Hantieren mit Uhren und Maßbändern, das Erlernen von Wörtern wie mit einem Kleinkind. Sprache als Brücke zwischen Welten, Vertrauen durch Kommunikation und Verstand. An die Stelle präziser Wissenschaft verlegt das Drehbuch von Drew Goddard („Der Marsianer“) den Fokus auf greifbare Botschaften. Das Fremde ist nicht beängstigend, sondern sinnstiftend und lehrreich. Regisseur Chris Miller betonte im Interview, dass in jeder Tragik auch etwas Humorvolles liegen würde. An die Idee klammert sich der fantastische Mittelteil, hier nimmt sich die Handlung Zeit und Raum für das Auskundschaften der ungleichen Beziehung, aber auch für ruhige Momente wie eine Weltraumbestattung.

    Dass sich Film und Buch in diesem Punkt tonal überschneiden, liegt an Schriftsteller Andy Weir. Denn es ist ein gewaltiges Lob, wenn der Autor, der auch schon den 2015er-Ridley-Scott-Weltraumüberlebenskampf „Der Marsianer“ zu Papier brachte, von Beginn an zufrieden ist und den Film mitproduziert. Das ist ganz und gar nicht üblich, denken wir das Parade-Negativbeispiel „Shining“, von Stephen King vehement abgelehnt.

    Neben der unerwarteten Freundschaft trägt das Visuelle zur stimmigen Atmosphäre bei. Körniges Bild, keine High-Tech-Instrumentarien, dafür eine haptische Ausgestaltung der Schiffe. Sowohl Rocky als auch der Kommunikationstunnel sind mit Händen zu greifen. Keine glattpolierte Zukunftsvision, kein CGI-Gloss, sondern Practical Effects und gebaute Sets. Dazu passt der Einsatz simpler Grundfarben, während Greig Fraser (oscarprämiert für Villeneuves „Dune“) mit seiner Kamera nicht nur einmal die völlige Orientierungslosigkeit von Mensch und Maschine zeigt. Nicht zu vergessen Ryan Gosling, der sich mit all seinem Charisma, seiner Trauer, aber auch einer gehörigen Portion Spielfreude in diese Rolle legt, die sich statt von Kokosnüssen von Wodka in Plastikbeuteln und Fertignudeln ernährt. Zu hinterfragen ist nur die choral-klerikale Musik. Ob die Suche nach außerirdischem Leben diesen religiösen Anstrich benötigt?

    Keine Sorge, dieser Film, einer der meisterwarteten des Kinojahres 2026, ist sehenswert. Und doch kommen wir an den Schwächen nicht vorbei. Dürftige Dimensionen und ausgefranste Motive: Kann Grace es zurück nach Hause schaffen? Will er die Rückkehr überhaupt? Wie dramatisch ist die Situation auf der Erde? Welche Verantwortung spürt er für sich und seine Mission? Da wirkt manch Entscheidung im Filmverlauf überstürzt; die emotionalen Anker wirbelt Grace zu oft hinaus ins weite All. Die „spannende“ Aufklärung, weshalb sich ein Grundschullehrer als Astronaut versucht: dank der Marketing-Kampagne ohnehin bekannt. Eine lineare anstelle der rückblendenden Handlung wäre für den Rhythmus besser gewesen. Es ist ein seltener Vorwurf: der Film hält sich manchmal zu stark an die Buchvorlage.

    Fazit: Keine Heldengeschichte, keine Materialschlacht, keine Weltapokalypse. „Der Astronaut – Project Hail Mary“ entzieht sich den typischen Blockbuster-Erwartungen und vergisst trotzdem die letzte Gravitas, die ihn abheben würde von einem Spielplatztreffen. Dafür sehen wir wohlige Wärme in der Weltallkälte. Manchem Publikum werden die Widerhaken fehlen, die Reibungsflächen. Aber auf der Flugbahn, auf der sich unsere Gesellschaft befindet, kommen Hoffnung, Altruismus, Teamwork und Opferbereitschaft als Kurskorrektur gerade recht. Für das Erdklima und das Klima zwischen den Menschen.
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    (André Masannek)
    19.03.2026
    14:20 Uhr
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