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    Von religiöser Toleranz und reaktionärer Medizin

    Exklusiv für Uncut
    11. Jahrhundert: Der Medicus Rob Cole strandet mit seinen Weggefährten nach seiner Flucht aus Isfahan in seiner alten Heimat London, um dort das Licht seines medizinischen Wissens zu verbreiten. Bald wird er in die Intrigen des Königshauses verstrickt und wieder muss er kämpfen: Um das Leben seiner Patienten, für die Anerkennung seiner Arbeit und gegen eine ganz neue Herausforderung – das Leiden der menschlichen Psyche.

    Noah Gordon hat mit der „Medicus-Trilogie“ drei Weltbestseller geschrieben. Vor mittlerweile zwölf Jahren kam die Verfilmung des ersten Buches (aus dem Jahr 1986) in unsere Kinos. Allerdings genügten weder die 155 Minuten der Kinoversion, noch der mehr als drei Stunden lange Director’s Cut, um die ganzen 1280 Seiten des Hardcover-Buches im Film erzählen zu können. Man konnte zwar mit der Vertreibung von Rob Cole aus Isfahan eine Art Abschluss im Film finden. Allerdings blieben einige Kapitel des Buches unerzählt. Daher hatte man von Beginn an den Plan zu einem weiteren Teil, falls „Der Medicus“ erfolgreich sein würde. Das war er absolut. Trotzdem dauerte die Produktion des Nachfolgers derartig lange. Es handelt sich bei „Der Medicus II“ also NICHT um die Verfilmung des zweiten Buchs der Trilogie. „Der Schamane“ erzählt nämlich die Geschichte von Rob Coles Sohn bei den Indianern in Nordamerika.

    „Der Medicus II“ schließt direkt an den Vorgänger an, es wäre also ratsam, sich vorher noch einmal das mittlerweile zwölf Jahre alte Original anzusehen. Im Vergleich zu Teil Eins fehlen im Nachfolger die wundervollen Landschaften der marokkanischen Wüste, die im Film Persien darstellen sollten sowie die namhaften Schauspieler (Ben Kingsley, Stellan Skarsgård) - allerdings konnten die meisten anderen Darsteller wiedergewonnen werden (wenn auch teilweise nur für kurze Auftritte). Inhaltlich, in puncto Regie (ebenso Phillip Stölzl), Kamera und von den schauspielerischen Leistungen her steht der Film dem Original genauso wenig nach wie von der wunderschönen Ausstattung, den Kostümen und dem Bühnenbild. Wieder stehen die Suche nach dem Wissen und die Toleranz zwischen den einzelnen Religionen als zentrale Themen im Film. Letzteres könnte aktueller nicht sein. Als Neuerung kommt das Interesse des Protagonisten an der Psychologie der Kelten hinzu. Etwas weniger Platz bekommt dafür die übersinnliche Komponente in der Rob Cole den Tod vorhersehen kann. Etwas verunglückt ist der Handlungsstrang mit dem Baby (im Buch hat Cole übrigens zwei Kinder). Das Kind ist zwar da, spielt aber eigentlich keine Rolle. Das hätte man doch besser lösen können. Auch der plötzliche (wiederholte) Sinneswandel von einigen Figuren – zum Beispiel Hunne (Aidan Gillan) – ist teilweise nicht nachvollziehbar.

    Fazit: Handwerklich gut gemacht und solide in Szene gesetzt können wir froh sein, nach all den Jahren nun endlich die gesamte Abenteuergeschichte des Weltbestsellers auf der großen Leinwand betrachten zu können. Wer „Der Medicus“ gefeiert hat, wird mit dem Nachfolger ebenso seine Freude haben, wer allerdings mit mittelalterlichen Historienfilmen nichts anfangen kann, der sollte einen weiten Bogen darum machen.
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    (Christian Werner)
    12.12.2025
    11:08 Uhr