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    Cianfrance findet Komik in Tragik und Menschlichkeit im Versuchen

    Exklusiv für Uncut
    Die kompromisslose Menschlichkeit, die Derek Cianfrance seinen Charakteren zusteht und mit der er sie auch durch die tiefsten und verletzlichsten emotionalen Abgründe begleitet, ist so gnadenlos wie sie einfühlsam ist. Er erlaubt ihnen, Menschen zu sein, beobachtet sie, ohne über sie zu urteilen, wie sie an ihren (gesellschaftlichen) Aufgaben scheitern und trotzdem versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Es sind einfache Menschen komplex gezeichnet. Cianfrance findet Tragik an Orten wo andere nicht hinschauen würden. Wo Personen gezwungen werden, sich ihrer Menschlichkeit bewusst zu werden, inklusive der Grenzen, die ihnen dadurch aufgezeichnet werden. Sei es ein Liebespaar, das an der Ehe scheitert, oder ein verzweifelter Vater, der gegen ein korruptes System ankämpft, um für sein Kind sorgen zu können. Cianfrance hält die Kamera drauf und enthüllt mit uns den unentrinnbaren Schmerz, der an seinem Grund liegt. Mit „Roofman“ beschenkt er die Kinoleinwand ein weiteres Mal mit seinem einfühlsamen Auge, zu einer Zeit, in der diese kompromisslose Empathie droht, verloren zu gehen.

    Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Jeffrey Manchester, der in den 1990er-Jahren mehrere Fast-Food-Läden ausgeraubt hat, um den finanziellen Erwartungen gerecht zu werden, die an ihn als Vater gestellt werden. Doch in Cianfrances Händen wird es schnell nebensächlich, ob und wie viel der Handlung wirklich passiert ist – und das nicht nur, weil die Prämisse stark an The Place Beyond the Pines erinnert. „Roofman“ erzählt von tief-menschlichen Sehnsüchten in einem vergebungslosen System. Das ist bereits in den ersten Szenen des Films der Fall, in denen Jeffrey vergebens versucht, als geschiedener Vater mit Geldsorgen seiner Tochter einen Geburtstag zu bescheren, der seiner Liebe für sie gerecht wird. Zwei Jahre später kann er sich – Dank des Geldes, dass er sich durch seine Einbrüche erarbeitet hat – endlich das Fahrrad leisten, dass sich seine Tochter so sehnlichst wünscht. Doch die Polizei taucht wenige Sekunden später vor seiner Garagentür auf und setzt seinen Hoffnungen für ein glückliches Vaterleben ein abruptes Ende.

    Cianfrances Kamera klebt förmlich an den Gesichtern seiner Charaktere. Sei es durch Close-Ups in Dialogszenen oder in längeren Plansequenzen, stets studiert die Leinwand die Gesichter der Schauspielenden bis ins kleinste Detail. Der Film interessiert sich für die Emotionen, die sich hinter den Masken des Alltags abspielen, und kitzelt sie mit Geduld und Feingefühl ans Tageslicht. Channing Tatum spielt Jeffrey Manchester als Menschen, der sich der Schwierigkeiten, in die er sich immer wieder bringt, sehr wohl bewusst ist, aber wegen seinem Bedürfnis nach menschlicher Nähe einfach nicht anders kann. Die Mitarbeitenden, die von Jeffrey ausgeraubt werden, beschreiben ihn als stets höflichen Mann; in der Öffnungsszene leiht er sogar einem McDonald’s-Mitarbeiter seine Jacke, damit er im Kühlregal nicht krank wird. Jeffrey stiehlt, weil es die einzige Option für ein Leben ist, das für ihn lebenswert ist. Er ist ein ehemaliger Offizier der US-Armee ohne Perspektive für die Zukunft, ein – mit den Worten eines Polizisten des Films – genialer Idiot, der begabt, aber nicht kaltherzig genug ist, um kriminell zu sein.

    Es gibt wenig, das im Kino so unterhaltsam ist wie ein gelungener Gefängnisausbruch. So auch hier, als Jeffrey, mit einer gesunden Mischung aus Cleverness und Waghalsigkeit, seine Gitterstäbe für Freiheit eintauscht und sich schließlich in dem Dach eines Toys “R“ Us wiederfindet, der für die nächsten Monate zu seinem Versteck vor der Exekutive und der Gesellschaft sein wird. Über Babykameras, die er im Laden verteilt hat, beobachtet er tagsüber heimlich den Alltag des Geschäfts, während er sich bei Nacht an M&Ms bedient, im Bad wäscht und Videospiele zum Weiterverkaufen klaut. Abgeschnitten von der Welt und fallengelassen von seiner Ex-Frau macht ihm die Isolation schnell zu schaffen. Er ist im Herzen des Kapitalismus – sein Zuhause ist ein Laden einer milliardenschweren Kette, das Kinderlächeln in Geld aufwiegt – doch er hat keine Familie mehr, der er mit den Produkten Freude schenken könnte.

    Cianfrance behandelt die Konsequenzen eines Systems, das Menschen beibringt, dass Glück nur in Geschäften für Geld erworben werden kann, auf eine erfrischend intime Weise. Jeffrey ist charmant und ein Menschenfreund, der aber verinnerlicht zu haben scheint, dass sich Beziehungen zu anderen Menschen nur mit (Geld-)Geschenken kaufen lassen. Das wird besonders deutlich, als er Leigh näherkommt, einer Mitarbeiterin des Toys “R“ Us und alleinerziehende Mutter. Leigh wird, wie alle andere Mitarbeitenden auch, vom knausrigen und miesgelaunten Leiter des Ladens Mitch – gespielt von Peter Dinklage, der gleichermaßen hassens- wie mitleidswert ist – erbarmungslos herumkommandiert. Doch solange sie genug Zeit für ihre beiden Töchter und ihr Engagement an der lokalen Kirche hat, ist sie trotzdem zufrieden. Kirsten Dunst findet eine Tiefe und Kraft in Leighs monotonem Leben, die den meisten anderen Schauspielerinnen verwehrt geblieben wäre. Sie ist das Zuhause und die Menschlichkeit, nach der es Jeffrey – der sich ihr gegenüber als John vorstellt – sehnt.

    „Roofman“ schafft es, die unbestreitbare Komik, die sich durch die Handlung zieht, mit der Tragik, für die Cianfrance bekannt ist, unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Beziehungsweise aufzudecken, dass diese beiden vermeintlichen Gegensätze ausnahmslos miteinander koexistieren, in jeder Szene, in jeder Handlung. Cianfrance lacht nicht über die Charaktere, sondern über die Absurdität der Situationen, in der sie sich wiederfinden. Die Tragik der Schicksale macht die Momenten der Komik umso befreiender, die lustigen Zeiten miteinander lassen den Trennungsschmerz noch viel tiefer sitzen. Jeffrey findet in John einen neuen Menschen, einen zweiten Versuch. Ein Einblick in eine andere Welt, in der er einen Platz im System gefunden hat. Wo sowohl das Streiten mit Leighs älterer Tochter, als auch das gemeinsame Autofahren ein Teil von gewesen wären. Kirsten Dunst und Channing Tatum liefern mitreißende Performances and dem Ort, an dem sich Komik und Tragik zum Schicksal des Menschseins vereinen.

    Bei einem gemeinsamen Familienessen erzählt Leigh von einem nackten obdachlosen Mann, der in den Toys “R“ Us eingebrochen ist, um Essen zu klauen. Die meisten Personen an dem Tisch lachen über die Geschichte, doch für Leigh überwiegt das Tragische. Wie schlecht muss es diesem Menschen gehen, dass er gezwungen ist, um zu überleben in einen Toys “R“ Us einzubrechen? „Roofman“ solidarisiert sich mit diesen Menschen, die verspottet werden, weil sie überleben müssen. Er sieht in Jeffrey keinen Helden, aber erlaubt ihm, ein Mensch zu sein, inklusive der tragischen Schicksale und schönen Momente, die das mit sich bringt. Cianfrance kritisiert den Status Quo nicht von oben herab, sondern von der Seite derer, über die sonst nur gelacht wird. Mit einer der ganz wenigen originalen Mid-Budget Tragikomödien, die es zurzeit auf die Kinoleinwand schaffen, malt er ein farbenfrohes Bild von Menschlichkeit und unserer Gesellschaft, das emotionale Tiefe unter seinem Chaos bereithält.