Szenenbild aus The Life of Chuck Fotos: Constantin Film, Tobis Film
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    Suche einen Tanzpartner fürs Ende der Welt

    Exklusiv für Uncut
    Stephen King-Experte Mike Flanagan holt für seinen neuen Spielfilm „The Life of Chuck“ eine Kurzgeschichte der Schriftstellerlegende aus dessen weitreichenden Fundus und macht daraus einen bewegenden Feel-Good-Film.

    Den Namen Stephen King muss man eigentlich niemanden mehr erklären. Seit über 50 Jahren beliefert der fleißige und vielseitige Schriftsteller seine Fans mit neuen Werken. Dass King mehr kann als nur furchteinflößende Horrorgeschichten erzählen, das bewies Rob Reiner mit seiner Coming-of-Age-Geschichte „Stand by Me“ (1986) und allerspätestens Frank Darabont in den 1990er Jahren mit seinen beiden meisterhaften Verfilmungen „Die Verurteilten“ (1994) und „The Green Mile“ (1999), beides bewegende Charakterstudien, die in einem Gefängnis spielen und selbst hartgesottene Seelen tief berühren dürften. Darabont adaptierte später auch Kings Roman „Der Nebel“ (2007) fürs Kino, diesmal eine für King typische Horrorparabel.

    In den vergangenen Jahren hat sich der amerikanische Filmemacher Mike Flanagan zu so etwas wie einer neuen King-Koryphäe entwickelt. Erst drehte er 2017 eine Leinwandadaption von „Gerald’s Game“, den King erstmals 1992 publizierte, bevor sich Flanagan das Sequel eines der besten und berüchtigsten Horrorfilme aller Zeiten vornahm: „Doctor Sleep“ (2019) setzte nach fast vierzig Jahren den von Stanley Kubrick inszenierten „The Shining“ (1980) fort und zeigt, wie es dem inzwischen erwachsenen Danny Torrance (Ewan McGregor) so ergangen ist. Flanagan ist auch im Besitz der Rechte an der „Dark Tower“-Reihe sowie „Carrie“, von denen jeweils eine Serienadaption geplant sein soll.

    2024 aber nahm sich Mike Flanagan einer etwas anderen, gar nicht so grusligen Vorlage des Horrormaestros an. Die Novelle „The Life of Chuck“ veröffentlichte King in der Kurzgeschichtensammlung „If It Bleeds“ (2020). Diese Geschichte besticht durch einen weitaus optimistischeren Ton, auch wenn sie sich mit der nahenden Apokalypse und der unvermeidlichen Sterblichkeit des Menschen auseinandersetzt. Auch strukturell ist „The Life of Chuck“ außergewöhnlich, denn die in drei Akte unterteilte Geschichte wird in rückwärtiger Reihenfolge erzählt. Einen Mindfuck à la Christopher Nolans „Memento“ hat das Publikum hier aber nicht zu befürchten.

    Die Welt steht am Rande des Abgrunds: Naturkatastrophen haben den Bundesstaat Kalifornien nahezu komplett zerstört und weggeschwemmt, was Arizona nun zum bevölkerungsreichsten amerikanischen Bundesstaat macht. Die technische Infrastruktur ist nahezu vollkommen kollabiert, das Internet ist bald endgültig vernichtet. In diesem Chaos, in dem sich High-School-Lehrer Marty (Chiwetel Ejiofor) und seine Ex-Frau, Krankenschwester Felicia (Karen Gillan), bewegen, wird immer wieder der Schriftzug „Charles Krantz: 39 großartige Jahre. Danke, Chuck!“ gezeigt. Auf Plakaten, im Fernsehen, sogar von einem Flieger in der Luft und später in vollkommener Dunkelheit aus jedem Fenster. Doch wer ist dieser Chuck (Tom Hiddleston)? Und warum bedankt man sich bei ihm für 39 großartige Jahre? Dieser Chuck ist eigentlich ein stinknormaler Buchhalter, dem seine Affinität für Mathematik und das Jonglieren mit Zahlen von seinem alkoholkranken, aber durch und durch liebevollen Großvater Albie (Mark Hamill) mitgegeben wurde, während er bei seiner Großmutter Sarah (Mia Sara) die Liebe zu Kunst und Tanz entdeckt, die er in einer Tanzgruppe an seiner Schule zur Entfaltung bringt. Gemeinsam wohnen die Drei nach dem Unfalltod von Chucks Eltern im viktorianischen Einfamilienhaus, dessen Dachgeschoss, den Chuck unter keinen Umständen betreten darf, ein düsteres Geheimnis umgibt.

    Bei seiner Uraufführung auf dem „Toronto International Film Festival“ im September 2024 entwickelte sich „The Life of Chuck“ zu einem absoluten Publikumsliebling, der schließlich sogar den prestigeträchtigen „People’s Choice Award“ gewann. Und das überrascht mich nach dem Kinobesuch nicht. Flanagan erzählt unaufgeregt, ruhig und mit sicherer Hand vom Ende der Menschheit, wie man es kaum poetischer und pointierter erzählen könnte. Etwa wenn Marty Felicia und dem Zuschauer den „kosmischen Kalender“ erklärt, den der Astronom Carl Sagan erstmals 1977 in „The Dragons of Eden“ vorstellte und symbolisch zeigt, wie unbedeutend die Menschheit in der Geschichte des Universums eigentlich ist. Aber so unbedeutend die Menschheit innerhalb des Kosmos ist, so wichtig sind die Beziehungen, die wir Menschen zueinander pflegen und das kurze Leben, das uns in dieser Welt beschieden ist, in vollen Zügen zu genießen und auszukosten.
    Genau das ist der Kern dieser Geschichte, den Flanagan nach Kings Vorlage anhand der sympathischen Hauptfigur ausarbeitet. Dafür wählt er als zweite zentrale popkulturelle Referenz eine Zeile des Gedichts „Song of Myself“ (1855) von Walt Whitman: „I contain multitudes“ (Ich bin vielfältig)“. All seine Erinnerungen, all die Menschen, denen er begegnet, all die Eindrücke, die sich in seinem Leben ansammeln, sie bilden ein eigenes Universum in Chucks Kopf, mit ihm im Zentrum. Das macht das Ende seines Lebens, das mit dem Ende des Universums zusammenfällt, zu einer poetisch-ironischen Schlusspointe. Es ist durchaus faszinierend, sich seine Existenz als Summe einer Vielzahl an Teilen vorzustellen.

    Tom Hiddleston beweist hier, dass er nicht nur ein charismatischer Schauspieler, sondern auch ein talentierter Tänzer ist, dem es gelingt, eine mitreißende Sohle mit Szenenpartnerin Annalise Basso auf die Promenade zu legen. Das tröstet etwas darüber hinweg, dass Hiddleston ansonsten nicht wirklich viel zu tun bekommt. Auch seine jüngere Kinder-Version, gespielt von Benjamin Pajak, hat ein paar richtig gute Moves auf Lager. Für besonders emotionale Momente sorgt unterdessen Schauspiellegende Mark Hamill in einer gewohnt ausdrucksstarken Performance. Und jeder Film, der Nick Offerman als Erzähler aufbieten kann, profitiert ungemein von seiner lakonischen Vortragsweise.

    Nimmt mir „The Life of Chuck“ die Angst vor meinem unvermeidlichen Ende – oder unser aller? Nicht wirklich! Aber es ist ein Film, der mich in politisch instabilen, kataklysmisch, und generell schwierigen und unberechenbaren Zeiten daran erinnert, wie wichtig es ist, mich an dem Wunder zu erfreuen, dass wir gemeinhin als Leben bezeichnen. Und dafür sollten wir dankbar sein – jeden einzelnen Tag.
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    (Manuel Oberhollenzer)
    15.07.2025
    22:52 Uhr