Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Absurde Unfälle, surreale Hirngespinste und Kinderlogik – vieles ist ungewöhnlich, an diesem authentisch und liebenswert erzählten Trennungsdrama des isländischen Regisseurs Hlynur Pálmason. 2026 geht sein Film, der mehr Stimmungsbild als Geschichte ist, für Island ins Oscar-Rennen.
„Astin Sem Eftir er“ („Die Liebe, die bleibt“) schildert ein Jahr im Leben nach der Trennung eines jungen Paares mit drei Kindern (einer 17-jährigen Tochter und 12-jährigen Zwillingssöhnen). Sie leben in einem abgeschiedenen, aber modernen Haus auf einer von Moosen, Flechten und heftigem Wind geprägten Insel Islands. Während die alleinerziehende Künstlerin Anna in die Zukunft blickt und bemüht ist, ihre Karriere voranzutreiben, klammert sich ihr geschiedener Mann Magnus, der auf einem Fischtrawler arbeitet, an Erinnerungen. Der Nachwuchs nimmt die Umstände relativ gelassen hin. Besuche des Vaters und gemeinsame Ausflüge der Familie verlaufen überwiegend harmonisch und lassen den Zuschauer an ihrem realitätsnahen Alltag teilhaben, in den sich zunehmend märchenhafte Sequenzen mischen.
Sowohl Handlung als auch die den Film begleitenden Umstände sind sehr persönlich: Die drei Film-Kinder sind die Kinder des Regisseurs, der sehr pragmatisch auch sein Atelier (ohne Dach in der Eröffnungsszene), sein Auto, seine eigenen – durch rostendes Eisen entstehenden – Kunstwerke und seinen Hund im Film in Szene setzt. Der Filmhund „Panda“, der neben vielem anderen Getier vor der Kamera landet, wurde übrigens in Cannes mit der Auszeichnung „Palm Dog“ geehrt. Es ist nur konsequent, dass Hlynur Pálmason auch als sein eigener Kameramann fungiert.
„Wie ein Mix aus Präzision und Sommercamp-Atmosphäre“ beschrieb Saga Garðarsdóttir, die in die Rolle der Anna schlüpfte, die Dreharbeiten. Als Hauptdarsteller dieses Films empfand sie nicht die Personen, sondern das Gemeinschaftsgefühl der Familie, die Grundstimmung und das Vergehen der Zeit in einer von allen Emotionen unabhängigen Natur. Hlynur Pálmasons Arbeitsstil ist von großer Entspanntheit geprägt. Trotz Skript erliegt er nicht dem Zwang, etwas Bestimmtes drehen zu müssen. Zuletzt wurden fast 20 % der Handlung dem jeweiligen Moment oder den Launen der mannigfaltigen Filmtiere überlassen. („Man kann einer Gans nicht sagen was sie zu tun hat.“)
So sehr die Schauspieler zu Beginn der Dreharbeiten von Regieanweisungen wie „Sag jetzt was!“ unter Druck gerieten, so natürlich und echt gelang ihnen die Umsetzung der Szenen. Saga Garðarsdóttir, die in Island als Stand-up-Comedian bekannt ist, dürfte an Improvisation gewöhnt sein.
Immer wieder kommt es zu überraschenden surrealen Unterbrechungen der ansonsten realistisch gehaltenen Handlung. Das ist manchmal verwirrend, beunruhigend, schön oder komisch, aber nicht unbedingt notwendig. Vielleicht spiegelt es auch nur das Chaos der Gefühlswelt wider, das die Erwachsenen in der Umbruchphase nach der Scheidung überfällt. Immer schwieriger wird es, Trennungs-Metaphern, Träume und geheime Gedanken von der Realität zu unterscheiden.
Was den wahren Charme dieses Films ausmacht, sind nicht die märchenhaften Analogien, sondern das direkte Spiel seiner Darsteller. Die Kinder dürften den Umgang des Vaters mit der Kamera von klein auf gewohnt sein. In völliger Unbefangenheit entstehen unverblümt ehrliche Alltagsdialoge in liebenswertem Pendeln zwischen Poesie und Banalität und erlauben zu schweren Themen wie Tod und Sexualität auch mal ins Komische abzudriften. (Zum Beispiel wenn die zwei Söhne feststellen, dass Rumfummeln zum Kinderkriegen führt und sich die Frage stellt, ob für das Erzeugen von Zwillingen mehr gefummelt werden muss.)
Hlynur Pálmason ist mit dem Film ein einfühlsamer und wirklichkeitsnaher Blick auf menschliche Beziehungen gelungen. Sein Porträt der Familie ist so sympathisch, dass es schwerfällt, die Distanz zu wahren. Das hilft dem Betrachter, sich mit der zuweilen irritierenden Symbolwelt des Films anzufreunden: Das Ende muss ja nicht so sein, wie es scheint.
Vielleicht ganz gut so.