Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
„Die jüngste Tochter“ ist die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Romans der Franko-Algerierin Fatima Daas. Sie ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die vom Erwachsenwerden einer jungen algerischen Muslima in Frankreich erzählt.
Fatima ist die jüngste von drei Töchtern einer algerischen Familie. Wir begegnen einer zielstrebig wirkenden jungen Frau: Sie ist eine gute Schülerin, bereitet sich auf ihr Abitur vor, spielt gerne Fußball, pflegt typisch jugendliche Freundschaften, wird von starken weiblichen Familienmitgliedern unterstützt und betet täglich. Ihr Alltag wirkt ruhig und strukturiert. Bis ein Kommentar in der Schule zu einem Ausbruch führt, der innerlich gewaltig sein muss. Warum trifft sie ihren Freund, der von Hochzeit und Kindern redet, immer seltener - liebt sie ihn etwa einfach nicht, oder steckt mehr dahinter?
Was auf den ersten Blick wie innere Ruhe wirkt, stellt sich als ein In-sich-Gekehrtsein heraus. Fatima ist zugleich irritiert, introvertiert, ängstlich und trotzdem rastlos - auf der Suche nach Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit und nicht zuletzt nach sich selbst.
„Die jüngste Tochter“ nimmt uns mit auf eine knapp zweistündige Suche nach Fatimas persönlicher, sexueller, sozialer und religiöser Identität. Fatima taucht in die LGBTQI+-Welt ein, zunächst vorsichtig fragend, zurückhaltend, dann mutiger, experimentierfreudiger und sich verliebend. Ihre Religion, der Islam, bleibt stets präsent. Sie stellt sich selbst, der religiösen Gemeinde und nicht zuletzt Gott die Frage nach der Vereinbarkeit ihrer Gefühle mit ihrem Glauben.
Der queere Coming-of-Age-Film lässt sich nicht auf religiöse Prägung reduzieren. Das ist auch das Bemerkenswerte an dem Film: Im Vordergrund steht die Identitätssuche einer jungen, queeren Frau, die sich nicht von der Religion lossagt, sondern sie als Teil ihrer selbst begreift. Religion bleibt dabei erfreulicherweise ein Aspekt, ein Aspekt von vielen, auf der Suche nach sich selbst.
Gleichzeitig ist der Film aufgrund der diversen Spannungen ein wichtiger Film – sowohl für die muslimische LGBTQI+-Community als auch unsere Gesellschaft, die immer noch in Klischees denkt. Die zentrale Frage ist: Aus welcher Abhängigkeit befreit sich Fatima? Aus der ihres sozialen Umfelds (Familie, Freunde, Lehrkräfte, Nachbarschaft), ihrer gesellschaftlichen Klasse, von religiösen Dogmen oder von Erwartungen, die sie an sich selbst stellt?
Mit diesem Spielfilm wurde Schauspielerin und Regisseurin Hafsia Herzi, Französin mit algerisch-tunesischer Herkunft, erstmals zum Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes eingeladen. Ausgezeichnet als beste Darstellerin wurde dort Nadia Melliti, Französin mit einer algerischen Mutter, die zufällig gecastet wurde und als Laien-Darstellerin in ihrer allerersten Rolle brilliert und mitreißt. Auch Melliti liebt Fußball und plante eigentlich im Sportbereich zu arbeiten. Nun aber werden wir in Zukunft wohl mehr von Nadia Melliti als Schauspielerin hören.