Exklusiv für Uncut
Nach „Hereditary“ und „Midsommar“ hat Ari Aster mit „Beau Is Afraid“ gezeigt, dass er nicht nur Horror kann. Dieses Mal präsentiert uns der innovative Regisseur ebenfalls keinen Horrorfilm – zum Fürchten ist er trotzdem. Sehr effektiv wird man als Kinobesucher:in in die Zeit der Corona-Pandemie zurückgeworfen. Masken- und Abstandsgebote, Zoom-Meetings und Bubble-Bildungen in den sozialen Medien – alles ist dabei. Aster beweist wieder einmal seinen bemerkenswerten Einfallsreichtum und zeichnet ein treffendes Gesellschaftsporträt – bei dem niemand sonderlich gut wegkommt.
Spiel mir das Lied von Covid
Wir begleiten Joe Cross (Joaquin Phoenix) bei seiner Arbeit als Sheriff im fiktiven Städtchen Eddington, New Mexico. Sein Unverständnis für die Corona-Maßnahmen macht er gerne publik, so soll das Virus den Ort noch gar nicht erreicht haben. Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal), der – zumindest nach außen – die Anordnungen der Regierung gewissenhaft mitträgt, findet dieses Verhalten inakzeptabel. Er selbst versucht allerdings gerade die Genehmigung für den Bau eines riesigen Datenzentrums einer KI-Firma im Gemeinderat durchzuboxen und muss sich bald der Wiederwahl stellen. In der ohnehin angespannten Beziehung zwischen den beiden verhärten sich die Fronten – was seinen Höhepunkt erreicht, als Joe Cross eine große Ankündigung macht: Er will gegen Ted Garcia bei der Bürgermeisterwahl antreten.
Der Wahlkampf des Sheriffs gestaltet sich schwierig: Nicht nur sind die durch die Ermordung von George Floyd ausgelösten Black-Lives-Matter-Proteste auch in Eddington angekommen, auch das Familienleben des Gesetzeshüters gerät außer Kontrolle. Seine unter Trauma leidende Ehefrau Louise (Emma Stone) lernt durch ihre querdenkende Mutter (Deirdre O’Connell) den charismatischen Verschwörungsguru Vernon Jefferson Peak (großartig: Austin Butler) kennen und wird immer unzugänglicher. War die Bürgermeister-Kandidatur ein Versuch, wieder ein bisschen Kontrolle zu gewinnen, so entgleitet ihm diese allerdings zunehmend und Joe sieht sich mit immer höheren Eskalationsstufen konfrontiert.
Leben in unterschiedlichen Algorithmen
Den Mai 2020, in dem der Film angesiedelt ist, haben viele schon verdrängt – für die wenigsten war das eine gute Zeit. Umso schmerzhafter fühlt es sich an, in die Momente zurückversetzt zu werden, wo Babyelefanten zwischen einem standen und der Großteil des Lebens online stattfand. Ari Aster setzt genau hier an: Soziale Medien, „Doomscrolling“ und Fakenews spielen in „Eddington“ eine bedeutende Rolle. Er selbst beschrieb den Film als „Western mit Handys statt Pistolen“. Während andere Regisseur:innen sich vehement weigern, Mobiltelefone in ihren Filmen eine Rolle spielen zu lassen, rückt Aster sie ins Zentrum und zeigt sie als das, was sie sein können: Waffen. Doch auf wen sind sie eigentlich gerichtet?
Wer sich erwartet, dass der Film eine Seite ergreift, liegt falsch. Ebenfalls positioniert er sich auch nicht in der „Mitte“ (gibt es bei all den Richtungen überhaupt so etwas?). Alle Figuren sind auf gleiche Weise (un)sympathisch, teilweise heuchlerisch, fühlen sich jedoch sehr echt an. Jede von ihnen will auf ihre Weise Gutes tun, die Definitionen, was gut ist und was nicht, könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Ari Aster unterstreicht damit einen wichtigen Punkt: Die meisten Menschen haben das Wohl anderer Menschen im Sinn, durch das Konsumieren von sozialen Medien driften wir allerdings in so unterschiedliche Algorithmen ab, dass gemeinsame Ziele unerreichbar werden und die Zerstörung des jeweils anderen zur obersten Priorität wird.
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet ein Datenzentrum in Eddington errichtet werden soll. Als Profiteure der Coronakrise entpuppten sich in den letzten Jahren Menschen, die ein Interesse an gesellschaftlicher Spaltung haben. Peter Thiel, ein bedeutender Geldgeber im Tech-Bereich und Gründer der Überwachungsfirma „Palantir“, sieht Demokratie als „Störfaktor“, fantasiert von Technokratie und sehnt sich nach einer Welt, „in der große Männer frei sind, ihren Willen in der Gesellschaft durchzusetzen, ohne von der Regierung oder von Vorschriften […] eingeschränkt zu werden, die ihren Reichtum und ihre Macht beeinträchtigen würden.“ (aus einem Interview im „The Atlantic“, 9.11.2023). Es ist also nicht weit hergeholt, dass Thiel und Gleichgesinnte gerne Spaltung, Desinformation und somit das Misstrauen gegenüber Demokratie vorantreiben, um die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen.
Erbarmungslos
Manch einer mag sich durch die Darstellung der eigenen Position von Ari Aster angegriffen fühlen – der Film bleibt dann doch eine Satire und nimmt sich, trotz der Länge von fast 2,5 Stunden, nicht die Zeit, jeden Standpunkt im Detail zu beleuchten. Die Langatmigkeit, die durch die Laufzeit entsteht und die stellenweise Oberflächlichkeit sind wohl die größten Kritikpunkte. Ansonsten zeigt uns der Ausnahmeregisseur eine neue Facette seiner selbst: Er bringt viel dunklen Humor, Gesellschaftskritik und ein Talent für die Inszenierung von Actionszenen zum Vorschein.
Die Zukunft wird zeigen, ob der Film an Relevanz gewinnt oder verliert – sehenswert ist er in der Gegenwart auf alle Fälle.