Exklusiv für Uncut
Manchmal stellt man sich die Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Nützliches, etwa ein Feuerzeug, ein Messer oder eine Angel, steht dabei oft ganz oben auf der Liste, aber auch Unterhaltung für den Zeitvertreib, wie das Lieblingsbuch oder der Lieblingsfilm. Eine Kopie von „Send Help“ würde es wahrscheinlich bei den wenigsten auf diese Liste schaffen – und das ist durchaus nachvollziehbar.
Linda vs. Wild
Tollpatschig, aber fleißig: So überlebt Linda Liddie (Rachel McAdams) ihren Büroalltag. Ihre hohe Arbeitsmoral und Genauigkeit werden von ihrem neuen Vorgesetzten, dem Unternehmererben Bradley (Dylan O’Brien), wenig bis gar nicht belohnt, und sie muss mit wichtigtuerischen Golfspielern um Beförderungen konkurrieren. Bei jeder Gelegenheit wird ihr Wohlwollen ausgenutzt, und hinter ihrem Rücken machen sich ihre Kollegen über ihre schrullige Art und ihre Leidenschaft für die Reality-TV-Serie „Survivor“ lustig.
Das alles soll sich bald ändern, als Linda ihren Vorgesetzten zu einem Geschäftstermin nach Bangkok begleiten darf. Das Flugzeug gerät in ein Unwetter, und nach einem turbulenten Absturz findet sich Linda an einem Strand wieder. Der einzige andere Überlebende? Natürlich Bradley, ihr Chef.
Triangle of Cringeness
Der wohl spannendste Aspekt der Geschichte ist der Wechsel der Dynamik zwischen Linda und Bradley. Der präpotente Unternehmersohn muss sich widerwillig eingestehen, dass die autodidaktische Überlebensexpertin auf der Insel das Sagen hat. Die Beziehung zwischen den beiden erreicht jedoch nie die nötige Tiefe, um wirklich interessant zu werden. Beide Figuren werden sehr oberflächlich gezeichnet, und die Motivation hinter ihrem Handeln bleibt meist unnachvollziehbar. Hinzu kommt ein ermüdendes Hin und Her, ob die beiden nun miteinander oder gegeneinander arbeiten.
Rachel McAdams und Dylan O’Brien haben eigentlich schon öfter unter Beweis gestellt, dass sie schauspielerisch etwas draufhaben. Bei „Send Help“ ist davon leider wenig zu sehen. Jeder Dialog und jeder Gesichtsausdruck bekommt noch eine Extraportion Theatralik, wodurch es schwerfällt, irgendetwas ernst zu nehmen. Fairerweise muss man erwähnen, dass der Film als Horror-Komödie vermarktet wird. Allerdings landen die Witze (genauso wie das Flugzeug) nicht, und es ist – bis auf zwei bis drei blutige Szenen und Jumpscares – wenig Horror zu finden. Auf die vielversprechende „Psycho-Thriller“-Stimmung aus dem Trailer wartet man selbst beim Abspann noch, und auch die (leider vorhersehbaren) Twists können den Film nicht retten.
Überleben für Anfänger?
Beim Drehbuch war Sam Raimi dieses Mal scheinbar nicht beteiligt, weshalb man nach seiner Handschrift in anderen Aspekten des Films suchen muss. Hin und wieder blitzen seine Ideen in witzigen Übergängen oder makabren Effekten durch, im Großen und Ganzen vermisst man jedoch den Einfallsreichtum des legendären Regisseurs.
Die generelle Optik erinnert eher an die Inselszenen von „Türkisch für Anfänger“ oder „Fack ju Göhte 2“ und wird dem angeblichen Budget von 40 Mio. Dollar nicht gerecht. Alles wirkt ein bisschen zu perfekt, und zu keinem Zeitpunkt kauft man den beiden Figuren ab, dass sie gerade wirklich gestrandet sind und ums Überleben kämpfen.
Übrig bleibt ein unentschlossenes Werk, das in keinem Aspekt ganz überzeugt und wahrscheinlich davon profitieren würde, wenn es eine halbe Stunde kürzer wäre. Auf die einsame Insel sollte man sich eher Filme mitnehmen, die ähnliche Geschichten und Beziehungen besser erzählt haben – wie „Triangle of Sadness“ oder „Misery“.