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Alles beginnt mit einer erstaunlich erwachsenen Frau von gerade einmal 18 Jahren. In den Ferien am Genfersee, im „Jahr ohne Sommer“ 1816, setzt Mary Shelley die ersten Nähte an einer der ikonischsten Figuren der Popkultur: Frankensteins Monster. Ein Geschöpf aus Leichenteilen, geboren aus Fantasie, Gewitter und literarischer Kühnheit. Seine filmische Gefährtin erscheint erst 1935: „Frankensteins Braut“. Auch dieser Universal-Horror mit Franken(ur)gestein Boris Karloff beginnt mit Mary Shelley selbst, die als erzählerische Rahmenfigur „ihre“ Geschichte fiktional weiterspinnt.
Mit dem Horror-Crime-Thriller „The Bride!“ betritt die Ex-Schauspielerin, Neo-Regisseurin Maggie Gyllenhaal filmhistorische Pfade und tapeziert jene Geschichte um Frankensteins Braut neu. Und wer steht wieder am Anfang? Mary Shelley – sie spricht aus dem Jenseits, setzt die Handlung in Gang und dirigiert die Figuren. Dieser Kniff erzeugt eine irreale Meta-Theater-Ebene. Wie aus dem Nichts ergreift sie schließlich Besitz von einer zu Beginn namenlosen jungen Frau (Jessie Buckley), die im Gangster-Milieu den Tod findet.
Gleichzeitig betritt DIE Horrorikone schlechthin eine unscheinbare Arztpraxis. Die fortgeschrittene Zivilisierung von Frankensteins Monster (Christian Bale) ist durchaus erfrischend. Über 100 Jahre alt, hat es sich längst unter den Menschen eingerichtet, betont nach der ersten Gewalttat: „So bin ich nicht, ich trinke nicht, ich spiele Violine“. Und dennoch herrscht Einsamkeit, lediglich im Kino studiert es menschliche Gesten bei Musical-Vorführungen des Golden Hollywood. Der Wunsch: eine Freundin, eine Kollegin, eine Mitstreiterin. Deshalb der Besuch bei Dr. Euphronius (Annette Bening), mit der es die Leiche einer jungen Frau ausgräbt und reanimiert.
Zusammen kämpft sich das totlebende Paar durch die Welt der 1930er-Jahre. Von Chicago bis New York. Dreckige Bars, alte Autos, blinkende Reklametafeln. Ihre Schroffheit führt zu Gewalt und zur räuberischen Flucht. Immer wieder fragt die enteilende Braut, wie sie zu ihrem Namen kam, wundert sich über das Ja auf der Schein-Hochzeit. Maggie Gyllenhaal, die 2021 mit dem unterschätzten „The Lost Daughter“ erstmals Platz auf dem Regiestuhl nahm, justiert Historie neu, eifert Bekanntem hinterher. Ihr Ziel: das Geraderücken des Ungleichgewichts, weil die Braut 1935 lediglich zwei Minuten zu sehen war. Optische Anleihen sind schnell ausgemacht. Fritz Langs Metropolis-Maria und Harley Quinn als offensichtliche Vorbilder; letztere sorgte für eine Revolte auf den Straßen.
Und auch die neue Braut kuratiert eine wütende Anarcho-Frauenbewegung, die es in der heutigen Welt vielleicht wirklich bräuchte. Der Sinn für soziale Gerechtigkeit steht Filmemacherin und Hauptfigur ins Gesicht geschrieben. Und das nicht als Plattitüde, sondern als Versprechen. Punk als allgemeine, unbequeme Haltung wie Gyllenhaal es selbst beschreibt. Es geht um Consent. Das „Nein“ einer Frau ist absolut, ist unverrückbar und unverhandelbar. Und selbst beharrliches Nachfragen kann es nicht ändern. Das „Nein“ begleitet die Flucht, die zum Flirt wird – bis sie auch hier feststellt: das „Ja“ zur Hochzeit, das die Brautrolle konstituieren würde, gab es nie. Wenn Mary Shelley als Meta-Gott-Autorin fragt, wo denn die Wut bleibe, als sich ein weiterer sexistischer Widerling an der Braut vergreifen möchte, schlägt das Filmwerk die tagesaktuelle Brücke zu Gisèle Pelicot und Epstein/Maxwell. Ehrenwerte und wichtige Ansagen, die Maggie Gyllenhaal zusammen mit Kameramann Lawrence Sher in präzisen Blicken einfangen. Die Frau ist keine Randfigur der Geschichte, sondern ihr Antrieb – wir beachten das vorsätzliche Ausrufezeichen im Titel.
Ein ambitioniertes Unterfangen, das die Geschichte umschreibt. Und dennoch wirkt gerade die zweite Filmhälfte nicht zwingend zufriedenstellend. Hier fließen die Referenzen zu gleichförmig ineinander. Harley & Joker, auch Bella Baxter aus „Poor Things“ und natürlich das kriminelle Dreamteam Bonnie & Clyde kommen in den Sinn. Die Detektiv-Crime-Geschichte um Penélope Cruz und Peter Sarsgaard hat bis auf kleine patriarchale Kommentare einige Längen. Die Identitätssuche der Braut zu ihrem früheren Dasein: Zu linear, zu reißbrettartig zusammengesetzt. Ein fiktiver Filmstar namens Ronnie Reed (Jake Gyllenhaal. Bruder von Maggie) wird zum Verfolgungsmuster und zum tänzerischen Vorbild. Im Übrigen: diese sehenswerten Tanzeinlagen sind die einzigen Musical-Elemente, gesungen wird nicht. Höhepunkt ist zur Filmmitte die Show zum Lied „Puttin’ on the Ritz“, wenn das Monster auf einer Snob-Party ein Sektglas frisst. Ja, es gibt einige Absurditäten zu bestaunen.
Fazit: „The Bride!“ taumelt lustvoll zwischen Hommage, Groteske und feministischer Kampfansage. Mary Shelley schwebt als Meta-Autorin über der Geschichte, während Maggie Gyllenhaal den Mythos in die rußigen Straßen der 1930er verlegt. Christian Bale und Jessie Buckley tragen dieses bizarre Liebesexperiment mit vulkanischer Präsenz. Visuell kühn und ideenreich – doch im letzten Akt wirken manche Motive zusammengenäht wie Frankensteins Körper: faszinierend, aber weniger disruptiv radikal, als der Film zunächst verspricht. Am Ende steht die düstere Pointe: Widerstand scheint Frauen erst erlaubt, wenn sie zur Monstergestalt werden.